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Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee
בית הקברות היהודי וויסנזה

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Dipl.-Ing. Tobias Rütenik

Koordination:
Isabelle Arnold M.Sc.

Mitarbeiter:
Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Dipl.-Ing. Tobias Rütenik, Dr. Elgin von Gaisberg, Sarah Kuznicki-Fischer M.A., Tobias Horn M.A., M.Sc., Isabelle Arnold M.Sc., Anja Tuma M.A., M.Sc., Dipl.-Ing. Mathias Handorf, Barbara Schmitz BA., Dipl.-Pol. Saadi Matook, Dipl.-Ing. Petra Mbetinguenza, Dipl.-Ing. Ringo Bigalk, Sophie Buchholz M.A., Dipl.-Ing. Janine Sempf, Dipl.-Ing. Sabrina Brosk, Grit Kühnel B.A., Kareen Feldhoff B.A., Florian Dölle M.A., Dipl.-Inf. Tobias Funke

Auftraggeber/ Finanzierung:
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Landesdenkmalamt Berlin

Kooperation:
Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, Jüdische Gemeinde Berlin

Publikationen:
von GAISBER, Elgin - CRAMER, Johannes - HORN, Tobias - KUZNICKI-FISCHER, Sarah - RÜTENIK, Tobias - TUMA, Anja:
Der Fall Berlin-Weißensee. Der größte noch bestehende jüdische Friedhof Europas im Spannungsfeld zwischen Kultort und Denkmalpflege
, in: THEUNE, Claudia - WALZER, Tina (Hrsg.): Jüdische Friedhöfe. Kultstätte, Erinnerungsort, Denkmal, Wien-Köln-Weimar 2011, 211-233 (ISBN: 978-3-205-78477-7)

CRAMER, Johannes - RÜTENIK, Tobias - GAISBERG, Elgin von - KUZNICKI-FISCHER, Sarah - HORN, Tobias - TUMA, Anja - ARNOLD, Isabelle:
Der Jüdische Friedhof Weißensee. Inventarisation eines Bau-, Kultur- und Kunstdenkmalensembles
, in:
ICOMOS Nationalkomitee der Bundesrepublik Deutschland - Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Jüdische Friedhöfe und Bestattungskultur in Europa. Internationale Fachtagung, Berlin-Weißensee, 3. - 6. April 2011 - Jewish cemeteries and burial culture in Europe, ICOMOS - Hefte des deutschen Nationalkomitees 53, Berlin 2011, 34-45 (ISBN: 978-3-930388-25-7)

 

Einleitung / Vorgeschichte

Der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee ist einer der größten noch betriebenen jüdischen Friedhöfe in Europa, vielleicht sogar weltweit. Er wurde nach einem Entwurf von Hugo Licht ab 1880 belegt und wird bis heute von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin genutzt. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden hier etwa 110.000 Mitglieder der bedeutenden Jüdischen Gemeinde bestattet. Heute liegen dort bald 116.000 Bestattete. Die Neuanlage des Friedhofs vergleichsweise weit im Norden von Berlin wurde erforderlich, weil die älteren Friedhöfe in der Großen Hamburger Straße und der Schönhauser Allee seinerzeit weitgehend gefüllt waren und die jüdische Gemeinde in Berlin gerade am Ende des 19. Jahrhunderts einen starken Zuwachs verzeichnen konnte.

Die architektonisch wie auch landschaftsarchitektonisch komplex geplante Anlage zeichnet sich durch eine regelmäßige Grundstruktur und zahlreiche Varianten der 134 Grabfelder aus. Die Hauptwege sind durch Alleen herausgehoben. Darüber hinaus charakterisieren zahlreiche weitere Bäume den Friedhof. Dem jüdischen Kultus entsprechend sind die Grabfelder in Reihen geteilt, auf welchen die Grabstellen durch Grabmale unterschiedlicher künstlerischer Gestaltung und Anspruchs angelegt wurden. Entlang den Hauptwegen, an den Rändern der Grabfelder und entlang der über sechs Kilometer langen Umfassungsmauer sind vielfach aufwändige Erbbegräbnisse errichtet. Auf dem Friedhof sind zahlreiche prominente Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bestattet, darunter Geistliche, Politiker, Künstler, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter, wie der Verleger Samuel Fischer (1859–1934), der Schriftsteller Stefan Heym (1913–2001), der Gründer des Warenhauskonzerns Hermann Tietz (1837–1907), der Künstler Lesser Ury (1861–1931), der Informatikpionier Joseph Weizenbaum (1923–2008) und viele mehr.

Die Größe des Friedhofs, seine architektonische und landschaftsarchitektonische Bedeutung zusammen mit der Vielzahl prominenter Bestattungen heben den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gegenüber anderen jüdischen Friedhöfen deutlich heraus. Dazu trägt auch wesentlich die weit über Deutschland hinausreichende Bedeutung der jüdischen Gemeinde in Berlin im Kaiserreich und der Zwischenkriegszeit bei. Hier spielt auch die gute schriftliche Überlieferung im Archiv des Friedhofs eine wesentliche Rolle. Die Sterberegister für sämtliche Bestattungen seit der Öffnung des Friedhofs im Jahre 1880 sind noch vollständig vorhanden. Zusammen mit den allmählich durch Umwelteinflüsse verblassenden Inschriften auf den Grabsteinen ist damit der Jüdische Friedhof in Weißensee das letzte lesbare Dokument einer für ganz Europa bedeutenden jüdischen Gemeinschaft.

Aus dieser Einschätzung sind die Überlegung und der Auftrag der Senatsverwaltung von Berlin erwachsen, diese Bedeutung auch dadurch anzuerkennen und zu würdigen, dass eine Initiative zur Eintragung des Friedhofs in die Liste des Welterbes der UNESCO zu ergreifen sei. Dies setzt jedoch die Dokumentation und Erforschung des Denkmals in seiner Ganzheit voraus.

 

Das Projekt

Zum Zweck einer umfassenden Dokumentation führte die Technische Universität Berlin, Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte in Kooperation mit dem Landesdenkmalamt Berlin und dem Centrum Judaicum zwischen 2007 und 2009 zwei Pilotprojekte durch, in denen vier Grabfelder im Sinne einer Tiefenerfassung dokumentiert wurden. Ziel war die Entwicklung eines effektiven, technisch unterstützten Inventarisationssystems, mit dem sich eine große Menge von Daten schnell und präzise erheben lässt, bei gleichzeitiger Wahrung der notwendigen Genauigkeit und Aussagekraft. Im Zuge dieser detaillierten Betrachtung sind etwa 170 verschiedene, interdisziplinäre Informationen pro Bestattung gesammelt und in einer Datenbank sowie mit interaktiven Plänen verknüpft worden. Die Erhebung beinhaltet kultur- und sozialwissenschaftliche Daten, kunstwissenschaftliche Betrachtungen, Epigraphik, denkmalpflegerische und ökologische Aspekte:

Kurzdarstellung der Pilotprojekte (pdf)

Auf der Grundlage dieser Pilotprojekte wurde vom Land Berlin entschieden, einen Teil der in den Tiefenerfassungen aufgenommenen Daten für den gesamten Friedhof zu erheben - also für alle rund 116.000 Grabstellen. Diese Überblickserfassung hat im Jahr 2010 begonnen und wird bis Ende 2012 fortgeführt. Primäres Ziel dieser derzeit durchgeführten Überblickserfassung ist es vor allem eine eindeutige Identifizierung von Personen und Grabmalen zu gewährleisten. Mit der Grundinventarisierung wird eine Infrastruktur geschaffen, in die sich alle denkbaren Informationen einhängen lassen. Jegliche künftige Gutachten, Sanierungsvorhaben, Photographien und ähnliches können im Sinne eines Mehrwertes mit dieser Grundinventarisierung verknüpft werden. Diese Grundinventarisierung bzw. Überblickserfassung ist wie folgt strukturiert:

Strukturbestimmend sind naturgemäß die vorhandenen Sachzeugnisse. Das sind einerseits die Friedhofsarchivalien, andererseits die Grabmale auf den Grabfeldern. Aus den Sachzeugnissen leiten sich die Grundbausteine der Erhebungsstruktur ab. Dies sind:

  1. Daten zur Person und Grabstelle (Personendaten, Herkunft, Wohn- und Sterbeorte, Todesursache, Hinterbliebene und Besteller, Grabstellenart, Bestattungszeremoniell, Steinsetzung)
  2. formale Eigenschaften des Grabmales (Grabtyp, Beschreibung der wesentlichen formalen Merkmale, Ausstattung) sowie sein Zustand, Schäden, die verwendeten Materialien und die Inschriften
  3. eine Photodokumentation der entsprechenden Grabstätte (beidseitige Photographie)

Diese Informationen des Archiv-und Baubestands werden durch eine Datenbank eindeutig verknüpft. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Belegungspläne zusammen mit der photographischen Erfassung, da sie den Bezug zwischen den Personendaten in den Archivalien und dem konkreten Bestattungsort auf dem Grabfeld herstellen. Alle originalen Grabfeldpläne wurden Dank des Architekturmuseums an der Technischen Universität Berlin durch hochauflösende Farbscans konserviert. Jede einzelne Grabstelle wird abgezeichnet und mit den entsprechenden Daten zur Person und dem Grabmal verlinkt.

 

Ergebnisse und Innovatonen

Eine Neuheit auf dem Gebiet der Friedhofsinventarisierung besteht demnach in der regelhaften Erfassung sämtlicher Daten zum Grabmal. Neben den unerlässlichen Daten zur Person, die in Weißensee aufgrund des reichhaltigen Archivdatenbestandes nicht aus den Inschriften herausgelesen werden müssen, sollen vor allem das Grabmal und deren bau- und kunsthistorische sowie denkmalpflegerische Aspekte aufmerksam betrachtet werden. Darüber hinaus besteht eine enge Zusammenarbeit mit Dokumentationsvorhaben des Fachgebietes Ökosystemkunde/Pflanzenökologie der Technischen Universität Berlin, um auch dem Wert des Friedhofes als Natur- und Gartendenkmal gerecht zu werden.

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Projektes ist zudem die Ausarbeitung eines eindeutig definierten und klassifizierten Begriffskanons zur Erfassung sämtlicher Informationen. Das Dokumentationsprojekt ermöglicht künftig zahllose interdisziplinär verknüpfte, statistische Auswertungen, die wesentlich zur Erforschung der Gesamtanlage und ihrer Erhaltung beitragen.