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D, Berlin, Apostel-Johannes-Kirche

Bauaufnahmeübung im Wintersemester 2005

Leitung: Dr.-Ing. Stefan Breitling
Tutoren: Moritz Taschner, Stefan Vogel

Bauherr und Eigentümer: Ev. Apostel-Johannes-Gemeinde

Das Objekt

Das Ev. Gemeindezentrum Apostel Johannes im Märkischen Viertel des Bezirks Reinickendorf gehört zu den architektonisch anspruchsvollsten Bauten dieser Art in Berlin. Seine Errichtung erfolgte nach Plänen der Architekten Neumann, Grötzebach & Plessow in den Jahren 1970-1971. Sie fällt somit in die Aufbauphase jenes Stadtteils, der als stark verdichtetes Wohngebiet am Stadtrand Berlins durch bis zu 18-geschossige Wohnhausgruppen aus Fertigbetonteilen geprägt wird.
Die 3-geschossige Anlage des Gemeindezentrums gliedert sich in zwei rechtwinklig zueinander gestellte Baukörper. Während der hintere Gebäudeteil die Amtsräume, die Schwesternstation sowie die Pfarrer- und Hausmeisterwohnung aufnimmt, beinhaltet der vordere Gebäudeteil neben dem eigentlichen Kirchenraum eine Vielzahl öffentlich genutzter Räume. Dies entspricht der Intention eines Gemeindezentrums, den Tätigkeitsbereich über den Gottesdienst hinaus auf sozial-karitative Aktivitäten auszuweiten. So nimmt der Bau unter anderem eine Bibliothek, einen Gemeindesaal sowie diverse Räumlichkeiten für Kinder-, Jugend- und Seniorenkreise auf. Dieses vielfältige Raumprogramm spiegelt sich in der architektonischen Form des Bauwerks wider. An einen traditionellen Kirchenbau erinnert wenig. Der eigentliche Kirchenraum tritt im äußeren Erscheinungsbild der Anlage kaum hervor. Nur wenige Hinweise, wie das die Außenwand durchdringende, in Beton ausgeführte Altarkreuz, geben über dessen Lage innerhalb des Gebäudekomplexes Auskunft.


 

Abb. 1: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Ostansicht (Foto: Breitling 2005)
Abb. 2: Berlin, Märkisches Viertel, Lageplan. Aus: Dehio Berlin, 2. Auflage
Abb. 3: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Schnitt nach Osten. Handaufmaß M 1:25 im Original. TU Berlin 2005

Projekt

Im Rahmen einer Bauaufnahmeübung des Grundstudiums vom 21. – 25. November 2005 wurde das Ev. Gemeindezentrum Apostel Johannes in weiten Teilen vermessen, untersucht und zeichnerisch im Maßstab 1:25 aufgenommen. Ein Arbeitsschwerpunkt galt der Anfertigung eines den vorderen Gebäudeteil vollständig erfassenden Querschnitts nach Osten. Ferner wurden Längsschnitte, Grundrisse und Ansichten in den Hauptebenen erarbeitet. Neben der Dokumentation des Bestandes galt das Interesse der Frage, wo und in welchem Maße sich Abweichungen von der ursprünglichen Planung sowie nachträgliche Veränderungen am Gebäude nachweisen lassen. Diese Untersuchung erfolgte auf Grundlage des Vergleichs der vor Ort angefertigten detailgenauen Zeichnungen mit den Entwurfs- und Ausführungsplänen und sonstigen bauzeitlichen Dokumenten.    

Ergebnis

Die verformungsgetreue Vermessung ergab Toleranzen zu den Bauplänen von bis zu 10 cm. Die Untersuchung des Bauwerks ermöglichte ferner eine weitreichende Rekonstruktion des Bauablaufs und einzelner Bauabschnitte. Ebenso konnten nachträgliche Veränderungen am Gebäude, welche sich auf unterschiedliche Ursachen zurückführen lassen, dokumentiert werden. Während die Verkleidung der ursprünglich in Sichtbeton belassenen Fassade überwiegend bauphysikalisch begründet ist, sind die Maßnahmen innerhalb des Kirchenraums vielmehr durch einen gewandelten Zeitgeschmack sowie liturgische Erfordernisse bedingt. Der partielle Farbauftrag auf die Sichtbeton-Wände in Gold und Silber sowie die Ausstattung mit großformatigen Tafelgemälden macht den Willen sichtbar, die den Entwurf des Gemeindezentrums maßgeblich prägende „Betoneuphorie“ zu mäßigen und im Kirchenraum eine angemessene Atmosphäre zu evozieren. Die Verlagerung des Taufbeckens sowie der Austausch einer massiven Betonbrüstung der Kanzel zugunsten einer filigranen Stahlkonstruktion sollte das liturgische Geschehen näher zur Gemeinde bringen.
Abgesehen von diesen Befunden wurden Bauschäden festgestellt und auf ihre Ursache hin untersucht. Hierzu zählen nebst Wasserschäden, die auf undichte Stellen im Dach zurückzuführen sind, auch Rißbildungen in der Balustrade der Empore infolge von Verformungen und der Schwingungen des Glockenturms.


Abb. 4: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Studentinnen der TU Berlin beim Einmes
Abb. 5: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Grundriss 1. OG. TU Berlin 2005
Abb. 6: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Kanzel (Fotos: Breitling 2005)
Abb. 7: Berlin, Apostel-Johannes-Kirche, Unterkonstruktion der Orgel, Taufbecken


Lit.: Deutsche Bauzeitung 1968, 599; Der Baumeister 1972, 1270-1272; Günter Kühne – Elisabeth Stephani, Evangelische Kirchen in Berlin (1978) 149f.; Kerstin Englert, Kirchen nach 1945, in: Berlin und seine Bauten VI. Sakralbauten (1997) S. 249, 427 Abb. 568, 569.