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Die Berliner Mauer

Projektleitung:
Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Dr. Sc. tec. Philipp Speiser, Dr. Gabri van Tussenbroek
Mitarbeit: Christian Kannenberg, Tobias Rütenik

Finanzierung: Eigenfinanzierung, Senatsverwaltung Berlin


Im September 2007 hat das Fachgebeit im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Erweiterung der "Gedenkstätte Berliner Mauer" im Auftrag der Senatsverwaltung Berlin eine Grabung im Todesstreifen der Mauer an der Bernauer Straße durchgeführt. Die archäologische Untersuchung erbrachte Reste der unterschiedlichen Ausbaustufen der Mauer und  deckte zahlreiche Zegnisse der technischen Infrastruktur der Grenzanlage auf. 

Abb. 1: Übersicht der Grabung an der Bernauer Straße
Abb. 2: Befunde und Rekonstruktion
Abb. 3: Lichtmast
Abb. 4: Munitionsfund
Abb. 5: Fundament der Grenzmauer

Projektkoordination: Christina Straße
Vermessung und Oberleitung: Dipl.-Ing. Andreas Potthoff, ASD
Archäologie: Torsten Dressler, ABD


Johannes Cramer
Wieviel Mauer braucht Berlin?
Vorschlag für einen Ort der Erinnerung in der Mitte der Stadt

Erst waren alle froh, dass die Mauer fiel. Dann waren viele irritiert, dass die Mauer so spurlos verschwunden war. Im Winter waren die meisten verblüfft, als der Wald von Kreuzen am Checkpoint Charlie aufgebaut wurde. Im Frühling hat die Senatsverwaltung ihr "Gedenkkonzept Berliner Mauer" vorgelegt. Am letzten Donnerstag hat der Bundestag eine Gedenkstätte am Brandenburger Tor gefordert. Am kommenden Dienstag sollen die Mauerkreuze fallen. Ist damit alles klar? Wohl kaum.

Das Mauer-Konzept der Senatsverwaltung will die bekannten Orte verbinden und die Gedenkstätte in der Bernauer Straße ausbauen. Das ist gut und richtig. Schade nur, dass wenige Tage nach der Vorstellung des Konzepts der Abbruch der Mauer am Nordbahnhof für ein paar Beach-Volleyball-Felder weiterging. So ist es mit der Mauer in Berlin. Selbst die denkmalgeschützten Bereiche werden nicht respektiert, weil man viel zu wenig über die Mauer weiß. Ob das, was das Gedenkkonzept schützen und verbinden will, für die Geschichte des Mauerbaus repräsentativ ist, weiß niemand. Und: die diversen Betonwände, die jetzt im Blick der Planer sind, waren bekanntlich nur ein verschwindend geringer Teil der Grenzsperranlagen. Was ist mit der Fläche des Todesstreifens? Was mit dem Rest des Systems: Zäune, Gitter, Tore, Lampen, Kolonnenwege und Fahrstraßen …..? Vieles ist unwiederbringlich verloren. Beispielsweise die Stacheldraht- und Streckmetallzäune und vor allem die mehr als 300 Wachtürme. Kein einziger hat authentisch überlebt. Nicht zuletzt: die Grenze verlief ja nicht nur durch Berlin hindurch, sondern auch um Westberlin herum. Darüber sagt das Gedenkkonzept zuständigkeitshalber überhaupt nichts.

Mehr authentische Mauer werden wir nicht mehr kriegen, weniger können wir uns nicht leisten. Rekonstruktionen sind wertlos. Deswegen greift das derzeit diskutierte Konzept zu kurz, wenn es "nur" die bekannten Orte gedanklich und didaktisch verbindet. Die Ganzheit des Systems muss wieder lesbar gemacht werden. Der Mauer-Radweg von Michael Cramer ist dazu der richtige Ansatz. Die Rettung sämtlicher Mauerreste in der Bernauer Straße und am Nordbahnhof ist eine Verpflichtung - einschließlich aller durch die Grenztruppen befestigten Flächen und Betonplattenwände samt Toren an der Gartenstraße. Nur so wird dem Besucher deutlich, welche Ausdehnung die Grenzsperranlagen hatten. Das Gedenkkonzept muss außerdem von allen unterschiedlichen Lösungen des Mauersystems lesbare Partien erhalten. Es ist nicht akzeptabel, dass Reste der ersten Original-Mauer aus dem Jahr 1961 noch 2004 am Lehrter Bahnhof ebenso abgeräumt wurden wie im Januar 2005 die beiden letzten Baracken der Grenztruppe direkt neben dem Abgeordnetenhaus.

Wo also soll das Gedenken an die Mauer in Berlin stattfinden? Das Thema trägt nicht nur mehrere Orte, es fordert sie geradezu. Und es fordert auch, dass die Mauer in Berlin-Mitte präsent gemacht wird. Das zeigt jetzt auch die Bundestagsinitiative. Fototafeln allein reichen aber nicht aus. Die Holzkreuze führen in die Irre. Die stadträumlich- haptische Darstellung der Mauer ist unverzichtbar. Dafür ist eine bisher übersehene Fläche westlich des Abgeordnetenhauses bestens geeignet. Das Areal zeigt die Ausdehnung des Grenzstreifens samt Betonfläche dahinter; unter üppigem Bewuchs sind noch Teile der Hinterlandmauer und des zugehörigen rot-weißen Sperrbalkens authentisch erhalten. In unmittelbarer Nähe stehen an der "Topographie des Terrors" 200 Meter Grenzmauer. Mit geringem Aufwand kann man durch Oberflächengestaltung und didaktische Einbauten, keinesfalls Rekonstruktionen, den Grenzstreifen und die Tiefe der Grenzanlagen lesbar machen. Knappe Beschriftungen informieren und weisen den Besucher in die Bernauer Straße.

Dieser Erinnerungsort ist damit keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zu beiden vorliegenden Konzepten. Er reiht sich zugleich ein in die Folge anderer historisch geprägter Orte in der Mitte von Berlin vom Reichstag über das Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal und die "Topographie des Terrors" bis zum Checkpoint Charlie. Nirgends sonst ist die Erinnerung an die Mauer so glaubwürdig eingebunden in die Geschichte von Berlin und die Erinnerung an die wechselnden politischen Verhältnissen in Deutschland mit ihren dunklen Seiten.

Berlin braucht diesen Ort.

Abb. 1: Zwei Meilen Geschichte und Erinnerung in der Mitte von Berlin
Abb. 2: Computersimulation für einen Erinnerungsort Berliner Mauer im Schatten des Abgeordnetenhauses und des Gropiusbaus. Die authentischen Teile der Grenzsperranlagen werden durch Oberflächengstaltung und didaktische Einbauten zu einem Gesamtsystem zusammengeführt, das die Tiefe des Grenzstreifens für den Besucher lesbar macht.

Strategie für die Erarbeitung eines Gesamtkonzepts zum Umgang mit den Resten des Kronzeugen für den Kalten Krieg

Die Berliner Mauer war einmal das berühmteste Bauwerk von Berlin - noch vor dem Brandenburger Tor. Fünfzehn Jahre nach dem Untergang der DDR sind von den ungefähr 155 Kilometern Grenzbefestigungen und mehr als 302 Türmen entlang den Sperranlagen rund um Berlin nur noch wenige Reste verblieben: Fünf Türme und ungefähr drei Kilometer Mauerreste, darüber hinaus einige andere Bauwerke sind im Jahr 2005 über die gesamte Außengrenze des ehemaligen West-Berlin verteilt noch zurück geblieben. Alle übrigen Mauerteile wurden nach 1989 systematisch abgebaut und überwiegend entsorgt. Vielfach ist der Mauerverlauf im Stadtbild heute nur noch an geringen Spuren im Gelände oder überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen.
Der fast vollständige Verlust der sichtbaren Erinnerung an eine der historisch und politisch wichtigen Epochen der Berliner Geschichte führt in der Öffentlichkeit zu berechtigter Kritik. Neben den Opfern der Deutschen Teilung fordern nicht zuletzt die Millionen Touristen, die auch wegen der Erinnerung an die Berliner Mauer die Stadt besuchen, eine bessere Vermittlung dieser Epoche.

Für die innerstädtische Mauer zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt haben Axel Klausmeier und Leo Schmidt im Auftrag der Senatsverwaltung in den Jahren 2001 bis 2003 eine Inventarisation mit Lokalisierung der verbliebenen Fragmente durchgeführt. Seither sind weitere Abgänge zu verzeichnen. Für die Grenze zum Umland liegt eine kursorische Erfassung durch Ralf Paschke im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege aus dem Jahr 1998 vor. Die Technische Universität Berlin hat im Jahr 2002 begonnen, in einem noch andauernden Projekt die unterschiedlichen Bauten und baulichen Elemente der Grenzsicherungsanlagen durch Zeichnungen im M. 1:25 oder 1:10 detailliert zu dokumentieren. Aus diesem Projekt ist schon jetzt eine gute Übersicht zu den insgesamt vorkommenden baulichen Lösungen für die ehemaligen Grenzsicherungseinrichtungen entstanden. Eine vollständige Dokumentation liegt gleichwohl noch nicht vor.

Ein übergreifendes politisches und denkmalfachliches Konzept zum Umgang mit der Berliner Mauer fehlte schon 1990. Die berechtigte Freude über den Fall der Mauer führte zunächst zum Plan, die gesamte Mauer vollständig und umfassend abzutragen. Der zügige Abbau sämtlicher Grenzbefestigungen führte rasch in die Situation, dass das zusammenhängende Grenzsicherungssystem der SED in seiner Tiefenstaffelung und mit seinen zahlreichen Einzelelementen heute an keiner einzigen Stelle auch nur noch annähernd zu finden ist. Selbst dort, wo noch längere Mauerstücke vorhanden sind, fehlen die einst davor oder dahinter angeordneten weiteren Sperreinrichtungen ebenso wie der Kolonnenweg, die Laternen und zahlreiche weitere konstitutive Teile der Grenzsicherung.


Abb. 1: Reste der Grenzbefestigungen mit einer Betonplattenfläche und der heute überwachsenen Hinterlandmauer in der Niederkirchnerstraße am heutigen Abgeordnetenhaus.
Abb. 2: Wachtum-Ritzzeichnung im frischen Beton, Hinterlandmauer Liesenstraße

Mit dem raschen Verschwinden dieser materiellen Zeugnisse für die Zeit des Kalten Krieges wurden zunehmend Forderungen nach der gezielten Erhaltung und Erklärung von einzelnen Mauerbereichen laut. Zielgruppe für eine solche historische Vermittlung sind dabei sowohl die Bewohner der einst geteilten Stadt selbst in ihrer Erinnerungsarbeit, darüber hinaus alle diejenigen, die als Opfer der SED-Gewaltherrschaft unter der Mauer zu leiden hatten, und nicht zuletzt die zahlreichen auswärtigen und ausländischen Besucher der Stadt.

Nach konfliktreicher Diskussion wurde als erste bewusste Gestaltungsmaßnahme im Jahr 1997 die Gedenkstätte an der Bernauer Straße errichtet. Weitere Einzelaktionen in der Gedenkarbeit werden von Privatpersonen (Parlament der Bäume / Erna-Berger-Straße, Ben Wargin; Stresemannstraße / Erich Stahnke - 1990; Checkpoint Charlie / Regina Hilldebrandt - 2004; Checkpoint Bravo / Dreilinden - Vereins-Initiative) verantwortet.

Im Jahr 2004 ist am fünfzehnten Jahrestag des Mauerfalls das öffentliche Unbehagen über den fast vollständigen Verlust der Berliner Mauer auf der einen Seite und die weitgehende Privatisierung oder gar Kommerzialisierung der Inszenierung und Memorialisierung auf der anderen Seite deutlich spürbar.

Diesem Unbehagen soll unser Projekt durch eine systematische Datenerhebung und Datenverarbeitung sowie einen daraus abgeleiteten Handlungsvorschlag begegnen.

1. Vorgehen

Die vorliegenden Unterlagen geben zwar zuverlässig Auskunft über die Lage und Zuordnung einzelner Teile der früheren Grenzbefestigung, lassen aber keine Schlussfolgerungen und Aussagen über deren baulichen Zustand und die Aussagekraft als Zeugnis für die frühere Grenzsituation und das Gesamtsystem der Grenzsicherung zu. Die nähere Betrachtung der Baureste zeigt zudem, dass die zunächst einheitlich als "Berliner Mauer" bezeichneten Grenzbefestigungen tatsächlich in sehr unterschiedlicher Weise baulich umgesetzt worden sind. Auch der Erhaltungszustand der verbliebenen Elemente ist sehr verschieden. Für eine bewusstes und aussagekräftiges Konzept zur Darstellung der Berliner Mauer ist es deswegen zuerst erforderlich, sämtliche Phänomene in ihrem tatsächlichen Aussehen und in ihrer baulichen Eigenheit zu erfassen.

Zu diesen Phänomenen gehören:

    1. DIE GRENZBEFESTIGUNGEN

    • Bauliche Lösungen der Grenzmauer und Hinterlandmauer
      • Fertigteilelemente in L-Form
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      • Fertigteilelemente in T-Form
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      • H-Stützen aus Stahl
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      • H-Stützen aus Beton
        Plan
      • Zäune
        Streckmetallzaun Bild 1   Bild 2
        Maschendrahtzaun
        Gitterzaun
    • Kolonnenweg, Beton und Asphalt
    • Zubehör (Laternen, Spanische Reiter, Blumenschalensperren)

    2. DIE TÜRME

      1. Schlesischer Busch
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      2. Kieler Straße
      3. Potsdamer Platz / Stresemannstr. (versetzt)
      4. Dreilinden
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      5. Teltowkanal
      6. Niederneuendorf

    3. WEITERE BAUWERKE

    • Abfertigungsgebäude Friedrichstraße (Tränenpalast)
    • Mannschaftsbaracken (Niederkirchner Str.)

Das VORKOMMEN dieser baulichen Elemente wird auf der Grundlage der vorliegenden Vorarbeiten systematisch und auch statistisch exakt erfasst. Die nachgewiesenen Elemente werden nach Typen geordnet, kartiert und gezählt. Im Zuge dieser Erfassung werden außerdem durch einen Tragwerksplaner sämtliche Fragen der STANDSICHERHEIT untersucht und der ERHALTUNGSZUSTAND in den Kategorien "gut", "mittel" und "schlecht" geklärt. Nur so wird es möglich, eine sachgerechte Entscheidung für ein langfristiges Konzept vorzubereiten.

2. Das Ergebnis

Als Resultat der Untersuchung soll ein Konzept zur langfristigen Behandlung der Mauerreste einschließlich einer erklärenden Vermittlung für die interessierte Bevölkerung erarbeitet werden. Dieses Konzept muss die Verschiedenartigkeit der Lösungsmöglichkeiten berücksichtigen und im Sinne des "Arche-Noah-Prinzips" versuchen, eine charakteristische Auswahl von unterschiedlichen Mauersegmenten in einem sinnvollen städtebaulichen und historischen Zusammenhang für den Betrachter nachvollziehbar zu erklären. Dazu ist auf der Grundlage eines vorläufigen Gesamtkonzepts für den Berliner Raum eine Abstimmung mit der Senatsverwaltung und den betroffenen Bezirken sowie dem Land Brandenburg und den umliegenden Landkreisen erforderlich.
Das Konzept muss dazu nicht nur die verbliebenen Baulichkeiten berücksichtigen, sondern auch Fragen der Freiraumplanung und des historischen Gesamtsystems der Grenzbefestigungen berücksichtigen. Unter denkmalfachlichen Gesichtspunkten ist zu diskutieren, welche konservatorischen oder Restaurierungsmaßnahmen erforderlich sind, um die verbliebenen Mauerreste für einen noch nicht definierten Zeitraum zu erhalten. Auch zu diesem Zeitraum sind Grundsatzfragen zu klären und mit dem Landesdenkmalamt abzustimmen.

Insgesamt entsteht im Zusammenwirken mit den beteiligten Gremien und Ämtern ein denkmaltheoretisch begründetes, planerisch, räumlich und baulich vernetztes Gesamtkonzept zur Darstellung von und Auseinandersetzung mit den verbliebenen Resten der Berliner Mauer. Dieses Konzept soll nach breiter Diskussion in konkrete Handlungsanweisungen zum Umgang mit den Baulichkeiten und Freiflächen der ehemaligen Grenzbefestigungen führen und die Kosten für dessen Umsetzung, ggf. in Bauabschnitten und geordnet nach Dringlichkeit, benennen.

Daneben ist es erforderlich, ein Gesamtkonzept für die Darstellung des Mauerverlaufs im Stadtbild zu entwickeln.

Veröffentlichungen:

Johannes CRAMER: Der Gartenzaun um Berlin - Was blieb von der Berliner Mauer?; in: Der unbestechliche Blick, Festschrift zu Ehren von Wolfgang Wolters; Trier 2005, S. 235-41

Gabri van Tussenbroek: De Berlijnse Muur in beeld; in: Nieuwsbrief Sichting Bouwhistorie Nederland Nr. 37, Juni 2005, S. 26-31


Sehen Sie zu diesem Thema auch einen Artikel von Johannes Cramer in der Berliner Zeitung vom 09.11.2004