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Der Fatimidenfriedhof in Assuan

Leitung:
Hon.-Prof. Dr.Sc.tec. Philipp Speiser

Mitarbeiter:
Magdi Abdin, Adel Kelany, S. Björnesjö, L. Chablais, Y. Eigenmann, N. El Shohoumi, J. Lindemann, G. Nogara, A. Paasch, J. Pannek, G. Pyke, P. Quack, M. Sählhof, B. Schäfer, C. Straße und R. Wimmel.

Finanzierung/Funding:
Deutsches Archäologisches Institut, Auswärtiges Amt

Projekt

Seit Januar 2006 dokumentiert das Deutsche Archäologische Institut Abteilung Kairo in Zusammenarbeit mit dem Supreme Council of Antiquities und dem Lehrstuhl für Baugeschichte und Stadtbaugeschichte der TU-Berlin unter der Leitung von Ph. Speiser die mittelalterliche, islamische Fatimiden Nekropole in Assuan.

Lage

Assuan liegt 800 km südlich von Kairo und war über Jahrhunderte die wichtigste Garnisonsstadt im Süden Ägyptens. Westlich der historischen Stadt verlief das Friedhofsgebiet, welches ursprünglich eine Längsausdehnung von nahezu 2 km hatte mit einer maximalen Breite von 500 m. Leider ist es heute (2012) größten Teils überbaut. Wahrscheinlich hatte der Friedhof drei Bestattungszentren bzw. bestand aus drei kleineren Bestattungsorten bestehend aus Gräbern und Mausoleen. Im nördlichen Teil haben sich zwei Gruppen von inzwischen restaurierten Mausoleen und Gräbern erhalten. In dem Mittleren konnten bisher nur noch fünf Mausoleen innerhalb der neuzeitlichen Bebauung identifiziert werden. Die Südnekropole (600 x 500m) hingegen - im Neolithikum eine Flusslandschaft - ist weitgehend unbebaut und spiegelt, wie ein Vergleich mit historischen Ansichten und Fotos zeigt, den historischen Zustand bis ca. 1940 wider. Das Nekropolengelände war in pharaonischer Zeit (3000 bis 300 v. Ch.) und in griechisch-römischer Zeit (300 v. Ch. bis 450 n. Ch.) Teil der bedeutendsten Rosengranitsteinbruchfelder Ägyptens, aus denen zahllose Statuen, Obelisken und unterschiedliche architektonische Werkstücke stammen, die in den großen pharaonischen Tempeln Verwendung fanden. Das Gelände wird also seit 4000 Jahren, zunächst als Steinbruch, dann als Nekropole, genutzt und ausgebeutet. Eine genaue zeitliche Einordnung des Friedhofs ist schwierig, da fast alle historischen Grabstelen nach einem verheerenden Unwetter im Jahre 1887 aus den wohl nur teilweise zerstörten Gräbern des Friedhofs entfernt wurden, ohne(!) ihre Lage zu vermerken.

     
  • Abb. 1 Überblick über einen Teil des Friedhofsareals mit Mausoleen und Einzelgräbern
  • Abb. 2 & 3 Verschiedene Mausoleen und Einzelgräber
  • Abb. 4 Rekonstruktion einer Gruppe Mausoleen

Forschung

Die Nekropole wurde schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von dem Italiener Ugo Monneret de Villard und später dem Engländer K. Archibald C. Creswell untersucht. Eine neuerliche Dokumentation der Nekropole scheint angezeigt, da sich die beiden Forscher lediglich für die Mausoleen und nicht die einfachen Gräber, also die Friedhofsarchitektur in ihrer Gesamtheit interessierten. Bei dieser Nekropole handelt es sich zweifellos um ein einmaliges Ensemble, das sich nach den aufgefundenen Stelen bis ins 8. Jahrhundert, also in die Umayyaden-Zeit zurückverfolgen lässt und dessen durchgehende Benutzung bis ins 12. Jahrhundert, dem Ende der Fatimidenherrschaft belegt ist. Ein derart frühes islamisches Friedhofsensemble ist auch außerhalb Ägyptens kaum zu finden. Handlungsbedarf ist dringend geboten, weil das Friedhofsgelände zunehmend von der sich rasch ausbreitenden Stadt Assuan bedroht ist, die Mitte des 19. Jahrhunderts nur ca. 15.000 - und am Ende des 20. Jahrhunderts weit mehr als 500'000 Einwohner hatte. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts finden auf dem historischen Friedhofsgelände hunderte von Neubestattungen statt. Dabei handelt es sich ausnahmslos um einfache Einzelgräber, vermutlich da die Kapazitäten der übrigen Begräbnisstätten aufgebraucht sind. Der Gouverneur hatte vor einigen Jahren die Schaffung neuer Nekropolen zugesagt und dem Vorschlag, den Fatimidenfriedhof zur Denkmalzone zu erklären, zugestimmt. Um das Fortbestehen als archäologisches Denkmal sicherzustellen, wurde von uns eine Site-Management-Studie gemacht, die in erster Linie die Anliegen der örtlichen Bevölkerung und in zweiter Linie auch den Bedürfnissen der Pilger und der ausländischen Touristen berücksichtigen soll. Gleichzeitig fand nicht nur eine detaillierte Inventarisierung der einzelnen Gräber statt, sondern es wurden auch die wichtigsten historischen Quellen aufgearbeitet und eine ethnologische Untersuchung aller Riten, die im Zusammenhang mit der Nekropole stehen durchgeführt. Im weiteren wurden von Forschern der Freien Universität Berlin die zahlreichen pharaonischen Felsinschriften inventarisiert und ein ägyptischer Experte dokumentiert die unterschiedlichen Steinbrüche mit dem Ziel, die historischen Landschaften insgesamt zu dokumentieren und zu rekonstruieren. Angesichts des fortschreitenden Zerfalls der über tausendjährigen Anlagen, die nahezu alle aus Lehmziegel gebaut sind, ist die Dokumentation der unterschiedlichen Grabtypen und -Komplexe von höchster Dringlichkeit. Die Forscher Monneret und Creswell datierten interessanterweise alle Mausoleen in die Fatimiden-Zeit, obwohl sie nur eine Stele in situ gefunden hatten und ihnen durchaus Stelen aus der Umayyaden- und Abassidenzeit bekannt waren. Als erste Maßnahme wurde 2006 eine topographische Karte (Mstb. 1: 1.000) angefertigt, auf der die zahlreichen Gräber und Mausoleen exakt eingemessen werden konnten. Neben den 29 bekannten Mausoleen konnten 59 weitere Grabgruppen ermittelt werden, wobei die bisher größte nicht weniger als über zwanzig Einzelgräber und Mausoleen umfasst. Die Myriaden von modernen Gräbern, die etwa ab 1950 entstanden, wurden später mittels Satellitenbild aufgenommen.

     
  • Abb. 5 Gruppe anspruchsvoller Einzelgräber mit Nischendekor in den Außenwänden
  • Abb. 6 Einzelgrab mit anthropomorpher Grabeinlassung
  • Abb. 7 Bauaufnahmezeichnung der Einzelgräber 100 und 101a mit anthropomorpher Grabeinlassung sowie einer Einfassung aus unbearbeiteten Natursteinen am unteren Bildrand
  • Abb. 8 Gruppe verschiedener Kastengräber mit oberirdischer Grabkammer

Grabtypen

Die muslimischen Toten werden in weiße Totentücher gewickelt und in einem unterirdischen, ausgeschachteten Grab gebettet, jedoch ohne Sarg. Kremationen sind im Islam nicht erlaubt. Islamische Gräber sind immer rechtwinklig zur Mekkarichtung, (im Falle von Assuan: Nord-Süd) orientiert, damit der Tote, dessen Leichnam nicht auf den Rücken sondern auf die Seite gebettet wird, am Tage der Auferstehung sein erstes Gebet unverzüglich Richtung Mekka verrichten kann. Die einfachen Bestattungen werden mit einer rechteckigen Einfassung aus zwei Lehmziegellagen markiert, die im vorliegenden Falle eine durchschnittliche Länge von 2,4m und in etwa eine Breite von 1,6m aufweisen. Nach oben ist der Grabschacht im Falle von Assuan mit Steinplatten und einer Lage Lehmziegel verschlossen. Anhand zahlreicher Spuren lässt sich nachweisen, dass die Gräber und Mausoleen lediglich mit Weißkalk getüncht waren. Am Süd-Ende des Grabes befindet sich jeweils eine bis zu 1m hohe Wand in der die Nische für die Grabstele oder den Grabstein befestigt war, sowie ein aus Lehmziegeln aufgebautes Podest, an dessen Ostende wiederum eine (nur noch selten intakte) Zwerg-Gebetsnische o. ä. angebracht ist. Dies war wohl der Ort, an dem Angehörige Gebete verrichteten. Eine andere und wahrscheinlich luxuriösere Form des Einzelgrabes besteht aus einer über 1m hohen Einfassung aus Lehmziegeln, die oft mit einem vertikalen Nischendekor verziert und nach oben geöffnet ist. Sie stellt sozusagen die Vorstufe des überkuppelten Mausoleums dar. Es gibt auch ähnlich gestaltete Anlagen mit einer wesentlich größeren Grundfläche, die die Unterbringung mehrerer Einzelbestattungen ermöglichte, dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um Familiengräber. Eigentliche Massengräber kennt der Islam nicht. Zwar ist das Doppelgrab für Ehepaare bekannt, in diesem Falle ist der Grabschacht jedoch durch eine Wand in zwei klar erkennbare Kammern für Mann und Frau unterteilt. Nicht alle Gräber haben eine unterirdische Grabgrube, es gibt auch solche die aus einer oberirdischen Kammer bestehen, in die der Tote auf der nördlichen Stirnseite eingeschoben wurde. Möglicherweise entstanden diese sog. Kastengräber deswegen, weil man im Untergrund aus gewachsenem Fels keine Grabschächte anlegen konnte. Auch wenn muslimische Grabanlagen starken Regionalismen unterworfen sind, bleibt der bekannteste Grabtypus das Mausoleum, ein würfelförmiger Baukörper, auf dem eine Kuppel sitzt. Im Falle Assuans sind diese beiden Teile immer durch eine oktogonale Überleitungs- oder Tambourzone miteinander verbunden. In der Südnekropole dürften sich insgesamt gegen 50 Mausoleen gegenüber 200 einfachen Gräbern finden. Im Falle von Assuans wissen wir, dass in mehreren Mausoleen gar keine Personen bestattet sind, sondern diese Bauwerke reine Gedenkstätten für berühmte Persönlichkeiten des frühen Islams darstellen, wie z.B. für Khadiga, die Frau des Propheten oder für Said al-Badawi, ein Sufimystiker, der im 13. Jahrhundert in Tanta, einer Stadt, die ca. 900 km nördlich von Assuan liegt, wirkte und dort bestattet ist. Zu diesen Memorialbauten kommen allwöchentlich Bräute mehrheitlich aus der Gegend, um dort unterschiedliche Familien- und Fruchtbarkeitsriten auszuführen. Wenn die Geburtstage bedeutender Persönlichkeiten des Islams anstehen, werden jährlich bis zu 50.000 Gäste zu mehrtägigen Feierlichkeiten erwartet. Abschließend lässt sich sagen, dass die Nekropole nicht nur das Abbild von 500 Jahren (7. bis 12. Jh. n. Chr.) gelebter Stadtgeschichte ist, sondern in idealer Weise zeigt, wie alt und neu sich mischt und uns einen Einblick in die Kulte einiger Verehrter Persönlichkeiten des Islam gewährt.

     
  • Abb. 9 Saniertes Mausoleum (M15) mit verputzten Außenwandflächen
  • Abb. 10 Mausoleen mit steinsichtigen Oberflächen (M22 und M23)
  • Abb. 11 Einige Mausoleen sind Kultort für volkstümliche Rituale - Hier ein mit Indigo bestreuter Kenotaph im Mausoleum M12
  • Abb. 12 Opfer einer Braut beim Mausoleum des Imam Shafii

Schluss

Der offizielle Name Fatimiden-Friedhof ist insofern irreführend, als dass die frühesten Stelen aus der Umayyaden-Zeit (661-750) stammen, das Gros der Stelen abassidisch (750-868), tulunidisch (868-905), ikschidisch (905-969) ist und lediglich ein Bruchteil davon aus der Fatimiden-Zeit (969-1169) stammt. In diesem Zusammenhang bleibt eine wichtige Frage unbeantwortet. Wo befinden sich die Gräber der späteren Dynastien wie der Ayyubiden (1171-1250), Mamluken (1250-1517) und Osmanen (1517-1798) in Assuan? Es ist bekannt, dass Assuan nach dem Sturz der Fatimiden seine Bedeutung als geistiges Zentrum an die wesentlich weiter nördlich im Niltal gelegene Stadt Qus verlor.

Publikationen

Publikation in Vorbereitung.

Zahlreiche Kurzberichte findet man auf den Seiten des DAI:

http://www.dainst.org/