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Das nubische Dorf Bigge

Leitung:
Dr.-Ing. Bernadeta Schäfer, Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Prof. Dr. Stephan Seidlmayer

Mitarbeiter:
Dr. Armgard Goo-Grauer, Olga Zenker u. a.

Finanzierung/Funding:
Das Projekt wird vollständig durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert. Antragsteller: Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer (Technische Universität Berlin), Prof. Dr. Stephan Seidlmayer (Deutsches Archäologisches Institut), Prof. Dr. Sc. Philipp Speiser (Technische Universität Berlin).

Projekt

Seit 2008 verfolgt der Lehrstuhl für Baugeschichte und Stadtbaugeschichte der Technischen Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut Kairo das Projekt zur bauforscherischen und ethnologischen Dokumentation zweier verlassener nubischer Dörfer auf der Nil-Insel Bigge, ca. 10 km südlich von Assuan in Oberägypten. In mehreren Feldforschungskampagnen wird bis voraussichtlich 2017 der traditionelle Lebensraum der ägyptischen Nubier erforscht.

Einleitung

Nubien erstreckt sich entlang des Nils vom ersten Katarakt bei Assuan in Oberägypten bis hinein in den Sudan, zwischen dem dritten und vierten Katarakt. Die im Mittelpunkt der Untersuchungen stehende Insel Bigge ist Teil der südlichen Landschaft des ersten Kataraktes und liegt etwa 1,5 km südlich des ersten Staudammes von Assuan. Südwestlich von Bigge liegt die Insel El Heseh, nördlich die kleinere Insel Agilkia, die seit den 1970er Jahren die translozierte Tempelanlage der überfluteten Insel Philae beherbergt. Das Gebiet von Aswan repräsentiert den nördlichsten Ausläufer eines ursprünglich ausgedehnten und komplex gegliederten Siedlungsraumes. Laut El Hakim umfasste Nubien 42 administrative Zonen bzw. Dorfbezirke, die sich auf beiden Nilufern in ausgedehnten Streifen entlang des Flusses erstreckten und eine Länge von bis zu 30 km erreichten.

Die Geschichte der Nubischen Minorität in Ägypten wurde entscheidend durch die Folge immer ambitionierterer Staudammbauten bei Assuan bestimmt. Angelegt um den Bedarf Ägyptens an Wasser zur Bewässerung der Baumwollplantagen besser zu kontrollieren, resultierten sie letztlich in der Vernichtung des nubischen Siedlungsgebietes. Nach Plänen von Sir William Willcocks wurde zwischen 1898-1902 der erste Damm mit einer Stauhöhe von 106 m über dem Meeresspiegel errichtet, doch wurde das Stauniveau des Dammes schon 1907 bis 1912 um weitere sieben Meter erhöht. Die zweite Erhöhung des Dammes zwischen 1929 und 1934 bedeutete bereits die Flutung von Ägyptisch-Nubien bis weit nach Süden. Der Hochdamm von Assuan schließlich (errichtet 1960-1971) führte zur Aufstauung eines permanenten Reservoirs von über 600 km Länge bis tief in das Staatsgebiet des Sudan, was den endgültigen Untergang Nubiens bedeutete; der einstige Lebensraum der ägyptischen Nubier wurde nahezu vollständig ausgelöscht. Die meisten der alten Dörfer im ägyptischen Teil Nubiens wurden zwischen Oktober 1963 und Juni 1964 in neu gebaute Dörfer umgesiedelt, die nichts mehr mit den einstigen traditionellen Dörfern gemein hatten.

     
  • Abb. 1-3 Überreste der nubischen Dörfer auf Bigge. Fotos: Giorgio Nogara (1), Christina Straße (2,3)
  • Abb. 4 Überreste des Klosters auf Bigge. Fotos: Christina Straße

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Die nubischen Dörfer auf der Insel Bigge

Die Bewohner der Insel Bigge waren durch ihre Ansiedlung auf der Kataraktinsel, die dem ersten Staudamm am nächsten gelegen war, besonders stark von den Auswirkungen des Dammbaus sowie von dessen zwei nachfolgenden Erhöhungen betroffen und hatten dreimal, jedes Mal in größerem Umfang, ihre Häuser und Anbauflächen sowie alle Dattelpalmen verloren. Ihre Häuser errichteten die Bigge-Bewohner auf höher gelegenem Terrain, das vom Stauwasser nicht erreicht werden konnte, neu. Die felsigen Kuppen der Insel, die zuvor kaum bebaut waren, boten sich dafür an. Bis heute erhalten blieben auf der Insel zwei Weiler, von denen der größere (Bigge) sich im Südosten der Insel erstreckt, während der kleinere (Balle) mit seinen etwa zwölf Gehöften im Nordwesten liegt. Ein kleines Plateau zwischen den beiden Siedlungen diente als Friedhof. Anders als die Nubische Bevölkerung im Gebiet südlich des Hochdamms, die in den 1960er Jahren als geschlossene Dorfgemeinschaften umgesiedelt wurde, blieben die Bewohner auf Bigge weiter in ihrem Dorf ansässig. Tatsächlich wurde Bigge erst um 1985 geräumt. Die Dorfgemeinschaft wurde auch nicht geschlossen an einen neuen Standort überführt. Stattdessen erhielten die Bewohner eine Kompensationszahlung, um sich einen neuen Wohnort in der Umgebung zu suchen.
Tatsächlich blieben viele Familien im Assuaner Gebiet ansässig und können zu Befragungen aufgesucht werden. Seit der Räumung in den 1980er Jahren stehen die beiden Dörfer auf Bigge leer. Insbesondere das größere Dorf auf dem Ostufer der Insel bietet sich als ethnologisch-bauhistorischer Forschungsgegenstand von einzigartigem Interesse an. In diesem Dorf von rund 20 Einzelgehöften sind nicht nur die Baustrukturen hervorragend erhalten. Bei der Räumung des Dorfes wurden von den Bewohnern auch in großem Umfang Ausstattungsgegenstände und Hausrat zurückgelassen. Die verlassenen Dörfer auf Bigge stellen damit eine singuläre Quelle nicht nur für die Erforschung der traditionellen nubischen Architektur im Assuaner Gebiet dar. Sie sind vielmehr prädestiniert dazu, in einem kombiniert bauhistorischen, ethnologischen und ethno-archäologischen Zugriff bearbeitet zu werden. Hier ist es möglich, gleichermaßen vernakuläre Bauformen und Bautechniken sowie die damit assoziierten Nutzungsweisen und Lebensformen und das soziale Gefüge der einstigen Dorfgemeinschaft in ihrem Zusammenhang in einer dichten Rekonstruktion auszuarbeiten.

     
  • Abb. 5 - 8 Überreste nubischer Architektur auf Bigge. Fotos: Christina Straße
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Die Vorarbeiten

Die Projektgruppe kann auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen. Im Wesentlichen sind folgende Schritte zu nennen.
(a) In den Jahren 1961 bis 1964 dokumentierte die Ethnologin Dr. Armgard Goo-Grauer während mehrerer Forschungsaufenthalte in Dörfern Alt-Nubiens die Hausdekorationen unter besonderer Berücksichtigung der Wandmalereien der nubischen Frauen. Während einer sechswöchigen Feldstudie im Jahr 1964 nahm sie am dörflichen Leben der Bewohner von Bigge teil. Aus dieser Zeit stammt umfangreiches dokumentarisches Material.
(b) Seit 2009 führt die Abteilung Kairo archäologische Arbeiten auf der Insel Bigge durch. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde eine Begehung der gesamten Insel durchgeführt, ein Vermessungsnetz errichtet sowie eine organisatorische Infrastruktur der Arbeit aufgebaut (Transport, Kontakt mit den lokalen Personen, etc.).
(c) 2009, 2010 sowie letztens 2013 wurden mehrere Begehungen der Insel durchgeführt. Aus diesen Besuchen stammt umfangreiches digitales Fotomaterial, welches den Zustand des Baubestandes sowie die Besonderheiten der heutigen Inseltopographie zeigt. Im Rahmen dieser Begehungen konnte auch eine Diagnose des Sachstands erarbeitet werden. Die im Januar 2010 erstellte erste Grobkartierung des südlichen Weilers auf Bigge zählt etwa 20, meist einzeln stehende Hauskomplexe, die sich das steile Gelände des Ostufers der Insel heraufziehen und sich in ihrer Binnenstruktur teils stark unterscheiden. Die Bauten wurden größtenteils aus Lehm, teilweise auch aus Bruchstein errichtet und sind durch fehlenden Bauunterhalt dem allmählichen Verfall ausgesetzt. Oftmals sind Wandmalereien innerhalb der einzelnen Häuser sowie große Teile des Interieurs noch vorhanden, so dass die Nutzung der einzelnen Räume in diesen Bereichen noch gut rekonstruierbar ist.
(d) Im Rahmen anderweitiger Feldaufenthalte im Raum von Assuan in den Jahren 2008-2013 gelang es Frau Goo-Grauer, einige ihrer früheren Kontaktpersonen unter den Bewohnern von Bigge ausfindig zu machen und den freundschaftlichen Kontakt wieder aufleben zu lassen. Es ist geplant, weitere Kontakte zu reaktivieren, um diese für das Projekt nutzbar zu machen.

     
  • Abb. 9 Nubisches Leben in der Gegend um Assuan in den 1960er Jahren. Foto: Bestand von Dr. Armgard Goo-Grauer
  • Abb. 10-12 Wandmalereien auf nubischen Häusern in der Gegend um Assuan. Fotos: Bestand von Dr. Armgard Goo-Grauer

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Ziele

Die Erforschung der vernakulären Architektur im östlichen Mittelmeerraum und auf der Arabischen Halbinsel ist bisher in weiten Teilen ein Desiderat – jedenfalls verglichen mit dem hohen Standard der mitteleuropäischen Hausforschung. Diese Lücke bedarf dringend der Schließung. Die anonyme, profane Architektur gibt in jedem Raum ein unverfälschtes Zeugnis einer materiellen Kultur ab, die aus einem Erfahrungsschatz von nicht selten mehreren Jahrhunderten schöpft und stets ein unvergleichliches Beispiel an Nachhaltigkeit und Anpassung an die jeweilige Umwelt bietet. Eine Analyse der Einflüsse ihrer Entwicklung erlaubt es, die regionalen und überregionalen wirtschaftlichen Zusammenhänge aufzudecken sowie die Wahrnehmung und Wertung von architektonischen Symbolen innerhalb eines Kulturkreises zu verstehen. Ziel des Projekts ist es, in einem interdisziplinär angelegten Herangehen durch die Dokumentation und Analyse der beiden aufgelassenen Nubischen Dörfer auf Bigge einen Beitrag zur Erforschung, Sicherung und Vergegenwärtigung der traditionellen Kultur der Nubier in Ägypten zu leisten. Der archäologische Zugriff garantiert dabei ein Höchstmaß an Authentizität. In dem Projekt stehen vor allem zwei Anliegen im Blick: Es geht darum, durch Nutzung einer einzigartig günstigen Befundlage einen Meilenstein in der ethnoarchäologisch-ethnologischen Sachdokumentation zu setzen und der Forschung damit Grundlagenmaterial verfügbar zu machen. Um diese Ziele zu erreichen, wird der gesamte Baubestand der nubischen Dörfer von Bigge dokumentiert. Dabei wird in einer ethnoarchäologischen Perspektive der Aussagewert der Ausstattungsgegenstände und des Hausrats umfassend einbezogen. Weiter soll die verfügbare ethnologische Information dokumentiert werden; dazu soll nicht nur der aus früheren Arbeiten vorliegende Datenbestand ausgewertet und mit den Sach- und Baubefunden der verlassenen Siedlungen abgeglichen werden; es werden auch und vor allem Kontakte zu den früheren Bewohnern der Siedlungen geknüpft und deren Erinnerungswissen zum früheren Leben in den Dörfern erfragt und dokumentiert.

Publikationen

Eine ausführliche Publikation ist in Vorbereitung (geplant zu 2017).