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Transformation von Moscheen zu Kirchen in Toledo
Forschungsprojekt im Rahmen einer Diplomarbeit

Verfasser, Projektdurchführung:
Tobias Rütenik

Gutachter:
Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Dr.-Ing. Stefan Breitling

Kooperationspartner:
Diputación Provincial de Toledo

Finanzierung:
Eigenfinanzierung, Unterstützung durch Diputación Provincial de Toledo 

Projekte ähnlicher Thematik:
San Miguel el Alto (Toledo), San Agustín (Badajoz)

Preise:
Auszeichnung mit dem Erhard-Höpfner-Studienpreis der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft für die Diplomarbeit aus dem Jahr 2007

 

Einleitung

Heilige Orte sind häufig verbunden mit einer lang anhaltenden Kontinuität sakraler Nutzung über religiöse Schranken hinweg.
Mit der Eroberung Toledos –  Hauptstadt und religiöses Zentrum der christlichen Westgoten – durch muslimische Truppen im Jahre 711 war der Islam nach Europa gekommen. Die Kirchen der ehemaligen Westgotenhauptstadt wurden zunächst von den neuen Herrschern als Moscheen genutzt und entsprechend umgebaut bzw. im Laufe der Zeit durch Neubauten ersetzt. Bereits im frühen Mittelalter begann schrittweise die Rückeroberung von Gebieten auf der Iberischen Halbinsel durch christliche Staaten, die den Auftakt für die Kreuzzugsbewegung bildete. Doch nur in Spanien konnten die Christen muslimische Gebiete dauerhaft erobern. Dieser anhaltende Territorialgewinn ist eine Vorraussetzung für die Transformation von Sakralbauten – für jede Art von Bauinvestitionen. Mit der „Rückeroberung“ Toledos durch Alfons VI im Jahr 1085 fiel den Spaniern das erste Mal eine arabische Metropole in die Hände. In den folgenden Jahrhunderten passten die Christen die Stadt allmählich ihren eigenen Bedürfnissen an.

 Heute gibt es weit über 50 Kirchen, Klöster und Kapellen im historische Stadtzentrum Toledos. Aus der muslimischen Epoche haben im Wesentlichen nur zwei kleine Sakralbauten die Zeiten überdauert – die Moschee San Cristo de la Luz auch Moschee am Bab al-Mardum genannt und die Drechslermoschee (Mezquita de Tornerías). Natürlich gab es im islamischen Toledo wohl weit mehr Moscheen. Hier wird man Hinweise innerhalb der christlichen Gotteshäuser suchen müssen.
Die Transformation von Moscheen zu Kirchen auf der Iberischen Halbinsel wird bereits seit ein paar Jahren in einigen Projekten mit den Methoden der historischen Bauforschung durch die Technische Universität Berlin (Fachgebiet für Bau- und Stadtbaugeschichte und Fachgebiet für Historische Bauforschung) betrachtet. In einer Studie konnten erste Erkenntnisse an der Kirche San Agustín in Badajoz (Extremadura) gewonnen werden. Mit der Abschlussarbeit des Masterstudienganges für Denkmalpflege an der Kirche San Miguel el Alto liegen bereits Forschungsergebnisse zur Transformation einer Pfarrkirche Toledos vor.



Abb.1: Überschneidungszonen christlicher und muslimischer Herrschaftsgebiete mit Markierung Toledos (Rütenik 2007)
Abb.2: Moschee San Cristo de la Luz (Moschee am Bab al-Mardum, Südwestfassade (Rütenik 2005)
Abb.3: Moschee San Cristo de la Luz, Nordwestfassade, islamische Blendnische (Rütenik 2006)
Abb.4: Mezquita de Tornerías (Drechslermoschee), Innenraum (Rütenik 2006)

Vorgehen

 Ziel der Diplomarbeit war eine vergleichende Bauuntersuchung an mehreren Pfarrkirchen Toledos, um islamische Vorgängerbauten nachzuweisen und den Transformationsprozess im Einzelnen zu klären. Dazu wurden 11 Pfarrkirchen vor allem aufgrund von Hinweisen in der Fachliteratur ausgewählt: San Andrés, San Bartolomé, Santas Justa y Rufina, San Lorenzo, San Román, San Salvador und San Sebastián, San Cipriano, San Cristobál, San Lucas und Santiago del Arrabal.

 Die Betrachtung der Einzelbauten umfasst verschiedene Schritte. Zur Skalierung, Ergänzung und Korrektur des vorhandenen Planmaterials und zur Lokalisierung der Befunde wurden vor Ort die Gebäude tachymetrisch vermessen. Zur Untersuchung gehörte auch die Erstellung von Raumbüchern, in denen Befunde dokumentiert sind, um eine objektive Grundlage für die Untersuchung zu bilden und die darüber hinaus eine Vorstellung der Räumlichkeiten und Bauteile vermitteln sollen.

 Als Datierungshilfe für Einzelbefunde und als Vergleichsmaßstab für Beziehungen der Bauten untereinander dient ein Mauerwerks- und Bauteilkatalog. In Toledo verwendete man eine besondere Mauerwerksart – ein Mischmauerwerk –, das über lange Zeiträume benutzt worden ist und selbstverständlich einem Wandlungsprozess unterlegen war. Die Kenntnis seiner Entwicklungsstufen dient demzufolge als wertvolle Datierungshilfe. Dazu wurden an bereits chronologisch eingeordneten Referenzobjekten Mauerwerksarten gesammelt, in Typen und Untertypen gegliedert und in einem Katalog dargestellt.
Sowohl in der islamischen als auch in der darauf folgenden christlichen Mudéjararchitektur Toledos tauchen bestimmte Bauformen auf, die schwer dem einen oder dem anderen Architekturstil zuzuordnen sind und über lange Zeiträume, teilweise bis in unsere Tage hinein, tradiert wurden. Diese Bauteile fasst ebenfalls ein entsprechender Katalog zusammen, in dem sie nach Bögen, Fenstern, Nischen, Wandabschlussprofilen usw. gegliedert sind. Das Hauptaugenmerk der Betrachtung lag auf der konstruktiven Umsetzung dieser Bauteile.

 Das Instrumentarium dient zum Anlegen von Bauphasenplänen, die die chronologische Stellung der Bauteile darstellen. Sie erlauben mitunter die Rekonstruktion einzelner Bauzustände. Dabei besteht eine der Grundvoraussetzungen der Arbeit in der Annahme, dass auch spätere Veränderungen Hinweise auf verlorene Bauten geben. Denn man kann davon ausgehen, dass in der Regel beim Umbau bereits bestehender Gebäude möglichst viel vom vorher vorhandenen Bestand integriert wurde. Das Vorgängergebäude gibt also Bedingungen vor, die beim Umbau berücksichtigt werden müssen. So kann man manchmal trotz geringer baulicher Reste, die sich aus der islamischen Phase des Gebäudes erhalten haben, mit Hilfe späterer Hinzufügungen eine Rekonstruktion erschließen.



Abb.5: Stadtplan mit Eintrag der Untersuchungsobjekte (Rütenik 2007)
Abb.6: Katalogblatt, Textblatt (Rütenik 2007)
Abb.7: Katalogblatt, Abbildungsblatt (Rütenik 2007)
Abb.8: Aufmaßplan eines Untersuchungsobjektes (Rütenik 2006)
Abb.9: Bauphasenplan desselben Objektes (Rütenik 2007)

Ergebnisse

 In 7 von 11 untersuchten Objekten konnten sich Reste einer Moschee nachweisen lassen, dazu zählen verschiedene Minarette, die Reste von Arkaden innerhalb von Betsälen (Haram), in einem Fall der Teil eines Moscheehofes (Sahn) und an einer Kirche integrierte man die Gebetsnische (Mihrab) der Vorgängermoschee in den Glockenturm. Von den 7 als ehemalige Moschee anzusprechenden Kirchen kann man in 4 Fällen aus den oben genannten Resten vage Rückschlüsse auf ihre Gestalt ziehen.

 Die Transformation der islamischen Sakralbauten setzte nicht sofort nach der Eroberung durch die Christen im Jahr 1085 ein. Zwar nahmen Sie nominell alle Moscheen der Stadt in Besitz, doch einige konnten ihre Funktion für die in der Stadt gebliebenen Muslime (Mudéjares) fortführen. Die Umwandlung in Kirchen beschränkte sich zunächst vermutlich auf die Weihe, ohne bauliche Transformationen durchzuführen. Erste architektonische Veränderungen lassen sich ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nachweisen. Wesentliche Umbauten setzen im 13. Jahrhundert, hin und wieder auch erst im 14. oder gar 15. Jahrhundert ein. Man hat also keinesfalls sofort die islamischen Hinterlassenschaften vernichtet, sondern zunächst nur durch Anbauten und unter Beibehaltung von möglichst viel Substanz dem neuen Zweck angepasst. Der größte Teil der islamischen Sakralarchitektur in Toledo ging wohl erst zusammen mit den Zeugnissen der christlichen Mudéjarbauten nach 1500 verloren, als die Kirchen dem neuen Zeitgeschmack angepasst werden sollten.

 Neben dem direkten Verbleib islamischer Sakralbauten in Toledo gibt es auch einen indirekten Einfluss auf die christliche Architektur nach 1085. Trotz veränderter Typologie knüpft man nahtlos an Konstruktionstechniken und die Formensprache des orientalischen Kulturraumes an. Zunächst orientiert man sich fast ausschließlich an der Kultur der Muslime in Andalusien. Es entwickelt sich ein Mischstil (Mudéjararchitektur), der zu einer neuen Blüte führt. Erst spät wird der Einfluss der Gotik spürbar. Am Ende des Mittelalters ist das Wirken des Orients kaum noch nachzuweisen. Neuerungen am Anfang des 16. Jahrhundert führen zur Entwicklung anderer Bauformen und Konstruktionsweisen, die dennoch auf dem in islamischer Zeit gelegten Fundament aufbauen. Bis heute hat sich manche Tradition des islamischen Toledo fortgesetzt.



Abb.10: Stadtplan mit Eintrag der nachweisbaren Moscheen (Rütenik 2007)
Abb.11: Ansicht eines Minaretts, Planzeichnung nach Bildentzerrung (Rütenik 2006)
Abb.12: Mihrabnische an der Kirche San Lorenzo (Rütenik 2006)
Abb.13: Wandansicht einer Kirche mit steingenau aufgenommenen islamischen Bauteilen (Rütenik 2006)