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Die Franziskaner-Klosterkirche zu Berlin

Leitung: Dipl.-Ing. Stefan Breitling

Auftraggeber: Landesdenkmalamt Berlin, Büro ABKB

Mitarbeiter: Ulrike Assmann, Manuele Fior, Martin Leitner, Tobias Rütenik, Antje Schmidtpeter, Christa Wäschle, Corinna Windelberg

Abb. 1 Stadtplan von Berlin mit der Lage des Franziskanerklosters. Memhardt 1652.
Abb. 2 Berlin, Franziskanerkloster, Innenansicht nach Osten. Foto Breitling 2001
Abb. 3 Berlin, Franziskanerkloster, Grundriß Erdgeschoß mit Bauteilbezeichnungen. Meßbildstelle 1999/TU Berlin 2001


Die Franziskaner Klosterkirche gehört zu den wichtigen Vertretern der norddeutschen Backsteingotik und ist zugleich eines der ältesten erhaltenen Gebäude Berlins (Abb. 1). Die Ruine des im Krieg stark zerstörten Bauwerkes ist ein romantischer, ruhiger Ort inmitten der Stadt und wird für die Durchführung von Kunstprojekten genutzt (Abb. 2).

Im Rahmen der Überlegungen zu einer Neunutzung des Geländes des ehemals nördlich an die Kirche anschließenden Gymnasiums zum Grauen Kloster findet seit 1999 eine ausführliche Bestandsaufnahme statt. Es wurden Meßbilder im Maßstab 1:25 angefertigt und die Schäden kartiert. Die durch die TU Berlin durchgeführte Untersuchung begann im August 2001 mit dem Einscannen aller Meßbilder und der steingenauen Umzeichnung für die Westfassade außen und innen, den Längsschnitt nach Norden und die südliche Chorwand (Abb. 3). Die verschiedenen Mauerwerke wurden in einem Katalog erfaßt (Abb. 4). Alle Flächen der Kirchenruine wurden über den Meßbildern kartiert, Befunde eingetragen und die Wandflächen nach ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Bauphasen bewertet (Abb. 5 und 6). Ein Gerüst stand dabei nicht zur Verfügung. Die Beobachtungen wurden mit den gleichzeitig von Petra Marx zusammengestellten Bildquellen abgeglichen und daraus Bauphasenpläne für alle Wandflächen erstellt. Parallel dazu führte das Landesdenkmalamt Grabungen an drei Stellen durch, die neue Erkenntnisse zum Verhältnis der Kirche zur ehemaligen Stadtmauer, zur Gründung und zum Bauablauf erbrachten (Abb. 7).

Auf einem Kolloquium zum Franziskanerkloster, das am 11.04.2002 vom Landesdenkmalamt Berlin veranstaltet wurde, wurden die Ergebnisse vorgestellt. Die Untersuchung der TU Berlin wurde in dreifacher Ausführung an die Bestandsdokumentation des Büros ABKB angehängt, die sich mit den Originalen der Kartierungen und einer CD mit den Autocad-Dateien im Landesdenkmalamt Berlin befindet.


Abb. 4 Franziskanerkloster, Mauerwerkkatalog, Auszug. Links die sauber bearbeiteten Quader der Nordwand des Vorgängerbaus.
Abb. 5 Franziskanerkloster, Ansicht West, Bauphasenkartierung über einem entzerrten Meßbild.
Abb. 6 Franziskanerkloster, Längsschnitt nach Norden, Bauphasenplan. Gut zu erkennen die umfangreichen Maßnahmen 1959.


Die Untersuchungen haben zu einer vollständigen Neubewertung der Baugeschichte der Franziskaner-Klosterkirche geführt. Hielt man bisher die Langhausarkaden aus stilistischen Gründen für älter, als das Chorpolygon, so muß man nun von einem einheitlichen, vermutlich erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstandenen Bau ausgehen. Bereits Bronisch erkannte in dem Feldsteinmauerwerk, das einen Teil der nördlichen Seitenschiffwand bildet, den Rest eines kleineren Vorgängerbaus. Wie Grabungen 1926 und 2001 zeigten, stieß dieser im Osten gegen die ältere Berliner Stadtmauer, vermutlich ein einfacher Erdwall. Etwa gleichzeitig mit dem Bau der steinernen Mauer muß die Backsteinkirche entstanden sein. Die neuen Bauuntersuchungen legen eine späte Datierung nahe. Vermutlich steht die Überlassung des Grundstückes an die Franziskaner durch die Markgrafen 1271 und die Schenkung einer Ziegelei 1290 in direktem Zusammenhang mit den Vorbereitungen zu einem Neubau der Klosterkirche. Nach den Grabungsbefunden wurde hierfür das Gelände großflächig abgebrannt, mit Sand eingeebnet und in diese Fläche nach einem genauen Plan die Fundamentgräben eingetieft (Abb. 7). Gleiche Höhen der Fundamentierungsschicht am Chorpolygon wie an den Pfeilern des Langhauses weisen auf einen gleichzeitigen Baubeginn hin. Befunde am Mauerwerk belegen diese Einschätzung. Die verschiedenen, bisher unterschiedlich datierten Bauteile weisen die gleichen technischen Merkmale, die gleichen Verbände und vergleichbare Fugenverläufe auf. Anhand der Kartierung der Verbände ließen sich die einzelnen Bauabschnitte nachweisen. Demnach begann der Bau am Polygon und im unteren Bereich der nördlichen Chorwand. Nach einem Planwechsel, bei dem eine Dienstvorlage am Sockel der Chorwand aufgegeben wurde, wurden dann die Langhausarkaden und die Westwand errichtet und schließlich das Langhaus bis zur Traufe hochgezogen. An den Fenstergewänden des Obergadens läßt sich der Baufortschritt von Osten nach Westen ablesen (Abb. 8). Das Mauerwerk ist in einzelnen Blöcken aufgeführt, deren Verbände nicht an den bereits bestehenden Partien orientiert wurden. Dies spricht für einen gut organisierten Baubetrieb und eine routinierte, schnelle Bauausführung, wie sie in Brandenburg erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts zu erwarten ist. Auch die Profilsteine, die von Dirk Schumann untersucht wurden, zeigen in Art und Versetztechnik eine bereits fortgeschrittene Technik. Die Unterschiede im Formenreichtum der Gebäudeteile und die altertümlich wirkenden breiten Bögen der Lanhausarkaden müssen daher auf eine bewußte Gestaltungsabsicht zurückgeführt werden.


Abb. 7 Berlin, Franziskanerkloster, Fundamentschürfung, Ansicht und Schnitt. Zeichnung Breitling 2001
Abb. 8 Franziskanerkloster,Längsschnitt nach Norden,Ausschnitt mit Mauerwerkverband und Bauabschnittsfugen.


Große Bereiche der Wandoberflächen sind in mehreren Restaurierugsphasen erneuert worden (Abb. 6). Von den 1842 bis 1845 vorgenommenen Umgestaltungen hat sich nur wenig erhalten. Sehr umfangreich sind dagegen die Spuren der Sanierungsmaßnahmen von 1926 bis 1936, die sich durch einen bläulichen Neubrand zu erkennen geben. Zu den Baumaßnahmen gehörten der Treppenturm auf der Nordseite, die Überbauung der ehemaligen Chorseitenkapelle und eine Überarbeitung der Außenwände sowie die Erneuerung der Pfeiler des Chorpolygons. Die Zerstörung 1945 machte Beräumungen und erste statische Stützkonstruktionen 1951 notwendig, von denen sich die im unteren Bereich durch die Verwendung von Abbruchmaterial optisch an das mittelalterliche Mauerwerk angepaßten Pfeiler an den Langhausarkaden erhalten haben. 1959 bis 1961 wurde die Ruine gründlich gesichert. Dabei brach man alle noch erhaltenen hervorkragenden Bauteile wie die Gewölbeansätze und Bruchkanten der Wände aus und glättete sie, um das ungeschützte Mauerwerk vor anfallendem Wasser zu schützen. Aus dem gleichen Grund mauerte man alle Wandöffnungen, ehemalige Türen und sogar die Gerüstlöcher zu. Die Mauerkrone trug man vollständig ab und brachte einen Ringanker aus Beton ein. Durch diese Maßnahmen sind große Wandpartien, vor allem auch die für die Baugeschichte so wichtigen Ausbrüche der östlichen Gewölbedienste, verdeckt. Für das heutige Erscheinungsbild der Ruine sind die Arbeiten zwischen 1982 bis 1990 nicht prägend, aber auch sie haben zu einem weiteren Verlust an originaler Substanz geführt. Der Fußboden, unter dem noch barocke und mittelalterliche Gräber liegen, wurde mit einem starken Zementestrich und einem Belag aus keramischen Platten versiegelt. Am Chorpolygon begann man mit dem Austausch des Maß- und Stabwerkes, der glücklicherweise nicht zu Ende geführt wurde.

Heute stellt sich unter dem Veränderungsdruck, der auf der historischen Stadtmitte von Berlin lastet, vor allem die Frage nach dem Denkmalwert der Ruine. Längst ist sie nicht allein ein mittelalterlicher Baurest. Alle wichtigen Phasen der Denkmalpflege seit dem 19. Jahrhundert haben an ihr ihre Spuren hinterlassen und machen sie so zu einem vielschichtigen Zeugnis des Bemühens um Erhaltung von kulturgeschichtlichen Orientierungspunkten in einer sich vehement und ständig wandelnden Stadt. In ihrem Erscheinungsbild hat sie sich durch die Einbindung in einen kleinen innerstädtischen Park den Gemälden Schinkels von der Klosterkirche Eldena angenähert und ist zu einem romantischen Ort par excellence geworden, der im Vergleich mit ähnlichen Situationen in anderen europäischen Großstädten über ein unverwechselbares und eindrückliches Flair verfügt. Grund genug, sich bei einer erneuten Sanierung zu beschränken und das Vorhandene behutsam zu bewahren.

Eine weitere bauhistorische Untersuchung erscheint sinnvoll. Vor allem der Anschlußbereiche der Pfeiler und ihrer Fundamente an die Chorwände sowie die Chorseitenkapelle können Aufschluß über den ursprünglichen Bauplan geben. Auf den vor der Zerstörung von den Seitenschiffdächern verdeckten Partien der Hochschiffwände sind sicherlich noch mittelalterliche Fugenmörtel und Putzreste zu finden, da hier 1926 kein Ersatz stattgefunden hat. Für die Geschichte des Backsteinbaus wie für die Stadtgeschichte Berlins ist die Franziskanerklosterkirche weiterhin ein wichtiger Bau, dessen Erforschung noch weitere interessante Ergebnisse erwarten läßt.

Literatur:

ADLER, Friedrich: Mittelalterliche Backstein-Bauwerke des preußischen Staates, Bd. 1, Die Mark Brandenburg. Berlin 1862
BORRMANN, Richard: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin. Berlin 1893, S. 188-203
BRONISCH, Gerhard: Die Franziskaner-Klosterkirche in Berlin. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 50, 1933, S. 89-142
CANTE, Marcus: Kirchen bis 1618. In: Berlin und seine Bauten, Teil VI. Sakralbauten. Berlin 1997, bes. S. 3f, 338f
DEHIO-Vereinigung (Hg.); BADSTÜBNER-GRÖGER, Sibylle u.a. (Bearb.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Berlin. 2. Aufl. Berlin 2000
MICHAS, Uwe: Vorbericht zu den Grabungen 2001/2002. In: ABKB: Bestandsdokumentation zur Franziskaner-Klosterkirche. Unveröffentlichtes Typoskript von 2002 im Archiv des Landesdenkmalamtes Berlin
MARX, Petra: Baugeschichte, Archivalien, Dokumentation. In: ABKB: Bestandsdokumentation zur Franziskaner-Klosterkirche. Unveröffentlichtes Typoskript von 2002 im Archiv des Landesdenkmalamtes Berlin