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Bauhistorische Untersuchung und Schadensanalyse des Dachwerkes

Braunau/Inn, Haus Altstadt 16

Bestandsaufnahme: Matthias Birzer, Stefan Breitling, Jörg Heinrich

Dendrochronologisches Gutachten: Thomas Eißing

Konzeptentwicklung: Stefan Breitling, Johannes Cramer

Photodokumentation

Vorbemerkung
Bei der anstehenden Sanierung des Gebäudes Altstadt 16 sollen die bestehenden Räumlichkeiten zu einzelnen Wohnungen zusammengefaßt, der sanitäre Standard angehoben und das Dach ausgebaut werden.

Aufgrund der großen Bedeutung des Hauses für das Gesamtensemble Altstadt stellte sich die Frage nach der historischen Bedeutung des bestehenden Dachwerkes und nach der Möglichkeit seiner Erhaltung.

Um Planungssicherheit zu erlangen und um die Grundlagen für die Konzeptfindung und den Entwurf bereit zu stellen, fand vom 03.06. bis zum 07.06.1998 noch vor dem Beginn der Sanierung in einer Zusammenarbeit des Fachgebietes Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Berlin und des Dendrochronologie-Projektes in Bamberg eine Untersuchung des Dachwerkes hinsichtlich seiner historischen Substanz, seines konstruktiven Gefüges und der Schäden statt. Die Untersuchung beschränkte sich auf den Dachraum. Geprüft werden muß darüber hinaus der Lastabtrag in die weiteren Geschosse aufgrund einer zuverlässigen Planunterlage und unter Berücksichtigung der schützenswerten Substanz.

Aufgrund der Ergebnisse wurde eine Empfehlung zum Umgang mit dem Dachwerk erarbeitet. Demnach kann das Dachwerk mit geringem Aufwand repariert und ertüchtigt werden. Die Empfehlungen sind Systemüberlegungen, die durch einen Entwurf ausgearbeitet werden müssen..

Methode
Anhand eines System-Grundrisses wurden die Abbundzeichen aufgenommen. Der Abbundrichtung folgend wurden die Gespärre von Westen nach Osten von 1-25 durchnummeriert.

Ein Querschnitt und ein Längsschnitt wurden verformungsgerecht im Maßstab 1:50 aufgemessen. Zur Schadenserhebung wurde für jedes einzelne der 25 Gespärre sowie für den Längsschnitt nach Norden jeweils eine Kopie skizzenhaft ergänzt. Der Zustand und die Tragfähigkeit der Hölzer wurde mit optischen Mitteln sowie durch Beklopfen ermittelt und kartiert.

Für die dendrochronologische Datierung des Dachwerkes wurden 19 Proben entnommen.

Das Dachwerk
Das Bauwerk grenzt auf der Ostseite an die Stadtmauer, im Westen wendet es sich der Stadtpfarrkirche zu. Es blieb von dem großen Brand 1874 verschont, so daß der Dachstuhl erhalten blieb.

Der Ostgiebel zeigt eine Gliederung durch schlanke Versteifungspfeiler.

Das Dachwerk besteht aus einem zweifach stehender Stuhl mit Kehlbalken- und Hahnenbalkenlage. Sieben Binder-Gespärre unterteilen die 25 Gespärre in etwa gleich große Abschnitte. Der Treppenaufgang ist bis in Austrittshöhe mit einer Tonne aus Backsteinen überwölbt. In der Mitte am Gespärre 13 wird der Dachraum durch eine Bohlenwand in zwei Teile geteilt.

Abbundzeichen sind auf den Gespärren 3 und 4 auf der O-Seite an allen Knotenpunkten auf jeweils beiden Hölzern zu finden. Selbst die Schwelle ist gezeichnet. Da sie sich auf die heutigen Blattsassen beziehen, gehören sie zu der Umbaumaßnahme Phase III. Auf dem Gespärre 15 findet sich eine XIII. Die meisten anderen Gespärre sind auf dem Kehlbalken und auf dem Sparren in der Höhe des Kehlbalkenblattes auf der N-Seite mit Rötel gezeichnet. Die zu erkennenden Zeichen entsprechen der heutigen Zählung.

In den offenen Blättern wurden keine Zeichen gefunden, was umso mehr erstaunt, als die Hölzer alle in ihren Längen differieren, ein Abbundsystem also notwendig gewesen sein dürfte.

Die Konstruktion
Die Ständer des Stuhles werden von Diagonalen in beiden Richtungen gekreuzt.

Nach der Veränderung der Dachneigung auf 45° wird das Stuhlrähm als Mittelpfette belastet. Insbesondere die Sparren der N-Seite tragen fast völlig auf das Stuhlrähm ab.

Die Rähme und Schwellen bestehen aus jeweils zwei etwa 13,60m langen Stücken, die mit einem geraden Blatt gestoßen sind.

Der mittig unter der Kehlbalkenlage zwischen 1 und 13 verlaufende Unterzug erhält nur die Verkehrslasten aus den Kehlbalken 1, 11, 12 und 13. Alle anderen liegen nicht auf.

Im First sind die Sparren mit einem Scherzapfen verbunden.

Am mittleren Schornstein sind zwei Sparren unterbrochen, die jeweiligen unteren Teile ersetzt. Die oberen Teile werden mit einer Pfetten-Konstruktion unterfangen.

Alle übrigen Verbindungen des Stuhles, selbst die Türpfosten (Gespärre 13 und 17) sind angeblattet.

Baugeschichte
Phase I

In der SW-Ecke des W-Giebels haben sich auf einem etwa einen Meter langen Stück Spuren eines älteren Daches erhalten. Löcher von Dachlatten, einige übermauerte Dachziegel und eine zu der Aufmauerung des Giebels überleitende Aufkantung zeigen, daß die Dachneigung dieses ersten Daches 60° betrug. Der zu erwartende Fußpunkt dieser Konstruktion läge innerhalb des Zerrbalkens des Binder-Gespärres und paßt nicht mit der Lage und den Blattsassen der Stuhlkonstruktion überein.

Der Giebel war durch zwei kleine einfache "Schulterbogenfenster" zur Stadtmauer hin geöffnet.

Phase II

Der nahezu vollständige Stuhl gehört zu einer spätmittelalterlichen Bauphase. Reste der Türpfosten am Gespärre 17 und die erhaltene Bohlenwand am Gespärre 13 zeigen, daß der Dachraum in 3 Teile geteilt war, deren beide äußeren durch durch den mittleren erschlossen wurden.

Alle Verbindungen sind überblattet und durch Holznägel gesichert.

Bis auf die Gespärre 2, 15, 16, 25 tragen alle Sparren leere Blattsassen, die auf ihre Zugehörigkeit zu dieser Phase verweisen. Dabei sind die Unterkanten der Sassen, die zur Aufnahme der ehemaligen Kehlbalken bestimmt waren, heute um 15° zur Horizontalen nach innen geneigt. Kippt man die heutige 45° geneigte Sparrenlage um diese 15°, erhält man eine 60°-Neigung des Daches.

Um diese Neigung zu erreichen, müssen die Kehlbalken ein Stück über das Stuhlrähm ausgekragt haben. Das zu rekonstruierende Sparrendach hatte einen Abstand von 2,75m zwischen den Kehlbalkenlagen.

Im unteren Bereich tragen die Sparren der Binder-Gespärre 1, 5, 9,13, 17, 21 und 25 S-Seite eine steil ansetzende Sasse, die zu einem ehemaligen weiteren Kopfband gehört.

Die Zerrbalken der Gespärrre 13 und 17 sowie die heute abgeschnittenen ehemaligen Zerrbalken der übrigen Binder-Gespärre weisen (nur)auf der N-Seite eine leere Sasse für einen geraden Scherzapfen eines senkrecht nach oben führenden Holzes, z.B. eines Sparrenknechtes auf. Wie die Konstruktion des Fußpunktes ausgesehen haben könnte, ist noch ungeklärt.

Ob die Sparren, die Stuhlkonstruktion und die Kehlbalkenlage zu einer oder zu verschiedenen Phasen gehören, wird die dendrochronologische Altersbestimmung ergeben.

Phase III

Im Zuge der Umgestaltung der Giebel nach den großen Stadtbränden in den 1870er Jahren wurde auch die Dachneigung des Daches Altstadt 16 von 60° auf die heutigen 45° verringert. Dazu wurden die Sparren der N-Seite an den wegen des anschließenden Dachgrabens stark beschädigten Fußpunkten und am First beschnitten und nach oben geschoben. Diejenigen der Südseite dagegen wurden um etwa 1m nach unten geschoben und mit einem neuen Fußzapfen und einer neuen Blattsasse für den Kehlbalken versehen.

Die Sparrenfußpunkte wurden durch fragwürdige Beilaschungen auf eingezogene Schwellhölzer abgestützt.

Phase IV-VII

Da die Hahnenbalkenlage am Gespärre 22 durchtrennt wurde, muß die Aufzugspindel nach Phase III eingesetzt worden sein. Die zwei im Inventar hervorgehobenen Speicheraufzugtüren gehören vermutlich zu diesem Einbau.

Bei der Aufmauerung des mittleren Schornsteines wurden die Sparren 15 und 16 durchtrennt und im unteren Bereich durch neue Hölzer ersetzt.

Zwei Zugankerbalken wurden an den Gepärren 9 und 21 über die Querachse des Gebäudes gespannt.

In der SW-Ecke liegt ein Überzug, von dem der darunterliegende Streichbalken der Decke des 2.OG abgehängt ist.

In jüngster Zeit ist eine neue Rinne im Dachgraben zwischen Altstadt 14 und Altstadt 16 mit einem Ausstieg zwischen den Gespärren 11 und 12 angebracht worden. Dabei wurden an den Sparrenfüßen der N-Seite verschiedene Laschen und Füllhölzer montiert.

Schadensbild
Die Dachhaut

Die Biber-Deckung der S-Seite ist stark durchlöchert. Die Dachlatten weisen starke Durchbiegungen auf. Auf der N-Seite wurden die Biber durch Schuppen ersetzt.

Die Gesamtkonstruktion

Einzelne Holzdübel fehlen, verschiedene Blätter sind verdreht oder offen.

Die Stuhlwände

Durch die Belastung der Stuhlwände und das Fehlen von dafür vorgesehenen Unterkonstruktionen sind einzelne Ständer stark abgesunken. Besonders die Ständer der Gespärre 9 und 21 auf der S-Seite lasten auf die darunterliegenden Decken, die 21 steht mittig auf einem Unterzug. An diesen beiden Stellen sind die Schwellen durchtrennt worden, um Zugankerbalken über die Querachse einzuziehen.
Durch die Absenkung sind das S-Rähm zwischen den Gespärren 2 und 3 und zwischen 22 und 23 durch Biegebeanspruchung gebrochen. Auf der N-Seite zwischen den Gespärren 16/17 und 18/19, dort, wo die Schwellen über Querwände laufen, sind sie ebenfalls wegen der Absenkung in anderen Bereichen gebrochen.

Die Kehlbalkenlage

Die Kehlbalken werden nicht mehr im vorgesehenen Maße auf Zug beansprucht. Durch die vermehrte Lastabtragung auf die Stuhlrähme sind die Verblattungen mit den Sparren konstruktiv falsch. An einzelnen Blättern sind Schädigungen festzustellen.

Die Kehlbalken 22, 23, 24 sind durch die erhöhte Verkehrslast im Aufzugsbereich unterdimensioniert. Nr. 23 ist gebrochen.

Die Sparren

Dem hohen Alter entsprechend sind einige Sparren stark gerissen. Das Holz ist trocken. Nur Sparren 14 S-Seite ist durch Schwitzwasserbildung im Schornsteinbereich stark geschädigt.

Der Schädlingsbefall

An einigen wenigen Hölzern, vor allem an den Aufschieblingen auf der N-Seite ist eine aktueller Tätigkeit des Holzwurmes nachweisbar.

In Rissen fanden sich Kellerasseln.

An der Diagonalen des Gespärres 5 ist ein weißer Pilzbefall festzustellen.

Insgesamt ca. 20m sind von Holzfäule durch Feuchtigkeit betroffen.

Nach unserer Einschätzung sind die Schädigungen und der Befall gering.

Das Dachwerk in sich ist in seinem heutigen Zustand stabil. Problematisch ist die Lastabtragung von den Stuhlwänden auf die darunterliegende Decke des 2. OG.

Empfehlungen
Über 95% der Substanz gehören zu einer Konstruktion des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Daher ist die Substanz zu erhalten. Die heutige Lage der Hölzer zeugt von einem wichtigen Abschnitt in der Baugeschichte der Stadt Braunau und ist daher ebenfalls schützenswert.

Die Hölzer weisen bis auf wenige Ausnahmen keine ihre Tragfähigkeit stark herabsetzenden Schädigungen auf. Nach dem Erneuern der Dachlatten und der Abdichtung der Dachhaut genügen wenige Reparaturen und Holzschutzmaßnahmen, um das Dachwerk in seinem bisherigen Tragverhalten zu sichern.

Einzelne Blattverbindungen müssen nachgeschlagen und einige Holzdübel ersetzt werden. Alle geschädigten Bereiche können durch Beilaschungen oder zusätzliche Hölzer entlastet werden (Kreuzschraffuren). Ein Austausch von Hölzern ist nur an einigen Stellen an den Schwellen (z.B. zwischen 14 und 16) und an den Kehlbalken-Blättern 8, 9, 10 notwendig. Dabei muß berücksichtigt werden, welche Funktion den einzelnen Hölzern am Ende zukommen soll.

Da allerdings eine Nutzung des Dachraumes geplant wird, reichen für die Lösung der Lastabtragung einfache Reparaturen nicht aus. Die Veränderung vom Sparren- zum Pfettendach hat zu einer Belastung der Stuhlwände geführt, der in den Deckenkonstruktionen der darunterliegenden Geschossen nicht Rechnung getragen wurde. Hier muß ein konstruktives Gesamtkonzept erarbeitet werden, das die bestehende Konstruktion einbezieht.

Prinzipiell bieten sich zwei Möglichkeiten an:

Variante I: Reparatur und Verstärkung

Man beläßt das Dachwerk in seinem heutigen konstruktiven Gefüge als Übergangsform zum Pfettendach und muß dann für die Abtragung der Lasten durch die weiteren Geschosse sorgen. Durch eine Verbesserung der Sparren-Fußpunkte der N-Seite kann die nördliche Stuhlseite etwas entlastet werden. Die Tragfähigkeit könnte dadurch erhöht werden, daß man die Stuhlwände als Durchlaufträger ausgebildet. Dies könnte einfach und substanzerhaltend dadurch geschehen, daß an bestimmten Stellen Zugstäbe oder zusätzliche Hölzer in die vorhandene Stuhlkonstruktion eingefügt werden. Die Steifigkeit der Gesamtkonstruktion könnte durch Platten hergestellt werden, die seitlich auf die Stuhlwände und Binderecken aufgenagelt werden. Fehlende Diagonalen müssen ergänzt werden. Die Stuhlschwelle ist für zwei neue Zerrbalken durchtrennt worden. Ihre Wirksamkeit als Untergurt ist wieder herzustellen. Unter Benutzung der vorhandenen Wände und Deckenbalken müssen zwei unter den Stuhlwänden verlaufende Unterzüge im 2.OG angebracht werden, deren Lasten wo nötig über zusätzliche Stützen nach unten weiter abgetragen werden. Dazu müssen die Wände im Inneren auf ihre Tragfähigkeit hin eingeschätzt werden. Bei der Einbringung von neuen Nutzlasten müssen die Grenzen der alten Konstruktion berücksichtigt werden.

Variante II: Ertüchtigung

Die vorhandene Konstruktion wird durch eine jeweils zwischen den Gespärren an den kritischen Stellen eingestellte Stahlkonstruktion entlastet. Die neue Konstruktion könnte als Sparrendach die Eigen- und (neuen) Nutzlasten auf die Außenwände abtragen. Dadurch würden die Stuhlwände und die darunterliegende Balken-Bohlen-Decke entlastet. Problematische Bereiche könnten von dieser Konstruktion abgehängt werden.