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Schloss Neuhausen in der Prignitz

Bauaufnahmeübung im Sommersemester 2005, 23.-27.05. 2005

Leitung: Dr.-Ing. Stefan Breitling
Tutoren: Anke Blümel, Christian Kannenberg

Bauherr und Eigentümer: Richard Albrecht Küsell


Abb. 1: Westprignitz, Karte nach Foelsch 2004
Abb. 2: Schloss Neuhausen, Ansicht SW, Foto: Breitling 2005
Abb. 3: Lageplan von 1909 mit Eintragung der tachymetrischen Vermessung Blümel, Breitling, Kannenberg 2005
Abb. 4: Kapelle Ausmalung um 1570 , Foto: Heim, Knedeisen 2005
Abb. 5: Schloss Neuhausen, Querschnitt nach Osten. Aufmaß: Studenten der TU Berlin; Bauphasenplan: Blümel, Breitling, 2005


Baugeschichte:

Schloss Neuhausen in der Prignitz (Abb.1 und 2) spielte als einer der ältesten von den brandenburgischen Markgrafen gegründeten Burgplätze bereits im frühen 13. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Verluste wichtiger Gebäude und zum Teil massive Veränderungen im 18. Jahrhundert und um 1905 erschweren die Orientierung. Es stellt sich insbesondere die Frage nach der Lage des zentralen Burggebäudes der Anlage des 13.-15. Jahrhunderts. Heute steht noch das Torhaus mit anschließender Kapelle (Abb.4), das barocke Hauptgebäude, das 1738 über älteren Kellern errichtet wurde, die Ruine eines Turmes in der Nordostecke und die Ruine eines Hauses mit den Resten von Befestigungsanlagen und Türmen in der Südwestecke des heutigen Schlossbezirks (Abb.3).

Projektbeschreibung:

Im Rahmen der Bauaufnahmeübung wurden bauhistorisch besonders interessante Bereiche des Gebäudekomplexes im Maßstab 1:25 auf Karton oder verzugsfreier Folie erfasst. Dazu gehörten Querschnitte durch das Hauptgebäude (Abb.5), durch die Tordurchfahrt und durch die sogenannte Kapelle und die darunter liegenden Räume, ein Längsschnitt durch den mittelalterlichen Keller, eine Detailaufnahme der Schießkammern, die Nord- und die Ostwand der sogenannten Küchenruine und die Aufnahme des Dachwerkes. Darüber hinaus wurden zwei Details von Befunden an der südwestlich auf dem Gelände liegenden Ruine im Maßstab 1:10 erfaßt.


Abb. 6: Formsteinprofil Birnstab im Kellergewölbe, Foto: Behrendt 2005
Abb. 7: Baufuge am Altschloss, Foto: Kannenberg 2005
Abb. 8: Schiesskammer im Kellergeschoß, Foto: Behrendt, Bergholz 2005
Abb. 9: Dachwerk Isometrie, Ederer, Stoycheva, Winkler 2005


Ergebnisse:

Neben der Erstellung von Planmaterial und den Dokumentationen von einzelnen Bereichen des Schlosses konnten neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Gebäudekomplexes gewonnen werden. In einigen wesentlichen Punkten konnten die Darstellungen in den Kunstdenkmälern von 1905 und von FOELSCH 2004 ergänzt und korrigiert werden. Bei der Untersuchung der mittelalterlichen Keller auf der Nordseite der Anlage unter dem heutigen Schloss konnte festgestellt werden, daß die ganze Nordwand einschließlich zweier ehemals vorkragender halbrunder Türme in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert werden kann. Die Schießscharten in der Nordwand verfügen über eine erhöhte gewölbte Schießkammer (Abb.8), einen Auflagesockel, bisher unbemerkte Löcher für Prellhölzer und sind dadurch eindeutig für den Gebrauch von langen Handfeuerwaffen ausgelegt. Ein Befund in der Südwand des Kellers unter dem Hauptgebäude zeigt, daß vermutlich bereits Mitte des 15. Jahrhunderts, spätestens jedoch im 16. Jahrhundert der Laufhorizont im Hof mindestens ca. 2 m über dem Fußboden der heutigen Kellerräume lag. In einem Fenster hat sich ein spätmittelalterlicher Gewölbeansatz erhalten, der so steil ansteigt, daß er für ein über die Kellerdecke hinauf reichendes Fenster konzipiert worden sein muß. Alle Außenwände des Erdgeschosses und der Obergeschosse des Hauses sind um 1738 unter Verwendung von sehr viel Abbruchmaterial neu aufgemauert worden, wie der Mörtel und die Mauertechnik beweist. Auch die Deckenbalken und das Mansarddach gehören in diese Zeit. Im Dach findet sich allerdings eine Merkwürdigkeit. Wie die Abbundzeichen und Verschmutzungsspuren an der Außenseite von Gespärre 1 zeigen, stand der westliche Teil des Daches zunächst mit einer Giebelwand nach Osten frei. Das östliche Drittel des Daches ist erst nachträglich in der gleichen Konstruktionsweise hinzugekommen (Abb.9). Das Gebäude war möglicherweise auf dieser Seite zunächst nur eingeschossig. Die Betrachtung der Außenwände des östlich an das Hauptgebäude anschließenden sogenannten Küchenbaus ergab, daß die Ostwand noch zu einem heute verschwundenen spätmittelalterlichen Gebäude gehört. An den Anschlüssen der Nord- und der Südwand des Küchenbaus an das Haupthaus findet sich einlaufender Verputz, der auf einen eingeschossige östliche Flügelbau verweist, der nicht 1738, sondern erst später angebaut wurde. An der südwestlich auf dem Gelände gelegenen Ruine des sogenannten Altschlosses konnten ein Fenstergewände, ein Teil einer Treppenanlage und mehrere Wandflächen freigelegt und dokumentiert werden. Gegenüber den Aufnahmen von 1905 konnten deutliche Unterschiede in der Mauertechnik festgestellt werden, sowie auch mehrere Baufugen (Abb.7) auf unterschiedliche Entstehungszeiten des Kernbaus und den später angefügten Bastionen und Türme hinweisen. Möglicherweise verbergen sich unter den Bauresten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ältere Vorgängerbauten.

Literatur:

BREITLING, Stefan: Adelssitze zwischen Elbe und Oder 1400-1600. Braubach am Rhein 2005.
FOELSCH, Torsten: Neuhausen (Prignitz), i. e. Sibylle Badstübner-Gröger (Hg.): Schlösser und Gärten der Mark. Berlin 2004.