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Nimwegen (Nijmegen), Valkhofkapelle

Leitung:
Barbara Perlich, Gabri van Tussenbroek, Johannes Cramer

Publikation:
PERLICH, Barbara - TUSSENBROCK, Gabri van: Valkhofkapelle Nimwegen (Nijmegen). Neue Erkenntnisse zur mittelalterlichen Baugeschichte, in: CRAMER, Johannes - SACK, Dorothee (Hrsg.): Architektura, 38.1, 2008, 35-48 (ISSN: 0044-863X)

 

Bau-, Zerstörungs- und Wiederaufbaugeschichte 1000-1400

In der nordwestlichen Ecke der königlichen Pfalzanlage Nimwegen (Nijmegen) steht die St. Nikolaus- oder Valkhofkapelle (Abb. 1). Der kleine Zentralbau besitzt einen achteckigen Kernraum mit einem sech­zehn­seitigen Umgang in zwei Geschossen. Zum Kern öffnet sich der Umgang im Erdgeschoss in rundbogigen Arkaden auf schlicht profilierten Kämpferplatten, im Obergeschoss in Zwillingsbögen auf Säulen. Der Kernraum ist gegenüber dem Umgang erhöht und mit einer hölzernen Flachdecke gegen das steile Zeltdach begrenzt.

Die Kapelle ist eines der ältesten Gebäude der Niederlande und hat sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eines regen Forschungsinteresses erfreuen können. Anfangs noch als römischer Bau betrachtet, vermutete man die Bauzeit der Kapelle Mitte des 19. Jahrhunderts im achten oder neunten Jahrhundert. Seit 1957 wurde davon ausgegangen, dass die Kapelle um 1030 gebaut worden ist und dass die erhaltenen tuffsteinernen Partien des Gebäudes zur ersten Bauphase gehören.
Die genaue Abgrenzung und Datierung der ältesten Teile sowie die Datierung und Rekonstruktion verschiedener Zerstörungs- und Wiederaufbauphasen blieben aber umstritten und basierten im Wesentlichen auf späteren schriftlichen Quellen und architektur­ikonologischen Interpretationen und nicht auf Baubefunden. Eine bauhistorische Untersuchung durch die Technische Universität Berlin gemeinsam mit der Hogeschool Utrecht und Mitarbeitern des Bureaus Monumenten & Archeologie der Stadt Amsterdam konnte im Frühjahr 2007 die offenen Fragen klären und eine Rekonstruktion der Baugeschichte dieses bedeutenden Baus liefern.

Der Bau des 11. Jahrhunderts
Vom ältesten Bau sind durch mehrere schwerwiegende Zerstörungen im Mittelalter nur noch kleinere Partien erhalten, die dennoch eine präzise Vorstellung von der Form des ersten Gebäudes erlauben. Im Wesentlichen besaß schon der Ursprungsbau die heutige Gestalt mit einem erhöhten achteckigen Kernbau und einem zweigeschossigen, sechzehnseitigen Umgang und stellte mit einem Innendurchmesser von knapp 12 m eine verkleinerte Nachbildung der Aachener Pfalzkapelle (knapp 30 m) dar.

Charakteristisch für die älteste Bauphase an der Valkhofkapelle ist die Fugenausbildung. Der zwischen den Steinen hervortretende Setzmörtel ist zu 3-6 cm breiten Bandfugen gestrichen und sorgfältig geglättet worden. Reste einer roten Fassung der Fugen könnten noch zur ersten Phase gehören. Analogien solcher rotgefassten Bandfugen finden sich im frühen 11. Jahrhundert unter anderem an der Pieterskerk in Utrecht von 1040 und im Kölner Raum.
Ein weiteres Charakteristikum dieses ersten Kapellenbaus sind die in vier Jochen erhaltenen gedrückten Kreuzgratgewölbe im Umgang des Erdgeschosses (Abb. 3). Entgegen älterer Forschungsmeinungen gehören diese Gewölbe zur ersten Bauphase, wie die ungebrochene Verzahnung der Gewölbeanfänger mit dem Mauerwerk der Umfassungswände deutlich zeigt.

 
        

Abb. 1: Ansicht der Kapelle
Abb. 2:

Schnittzeichnung des heutigen Zustandes der Kapelle                 

Abb. 3: Kreuzgratgewölbe im Erdgeschoss
Abb. 4: Erste Phase der Pfalzkapelle


Datierung der ersten Kapelle
Die Datierung der ersten Bauphase gestaltet sich nicht leicht. Die Gesamtdisposition des Gebäudes (Abb. 4), für das wir auch in der ersten Phase schon die heutige Form annehmen dürfen, zeigt es als einen Nachfolger der Aachener Pfalzkapelle, also nach 800. Die beiden Elemente des ersten Baus, die zur Datierung beitragen können, sind die Kreuzgratgewölbe des Umgangs sowie die Fugengestaltung in Form breiter Bandfugen. Kreuzgratgewölbe sind nördlich der Alpen ab der Zeit um 1000 zu finden (Krypta Erhardikapelle Regensburg (um 1000), ­Krypta St. Marien auf dem Münzenberg Quedlinburg (1017)). Die etwas gedrückte Form, die recht kleine Spannweite und die ungenügende Ableitung der Schubkräfte der Kreuzgratgewölbe in der Valkhofkapelle lassen vermuten, dass es sich um frühe Versuche handelt, was auf eine Bauzeit in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts deutet.
Für die Bandfugen finden sich nur spärliche Vergleichsbeispiele, von denen die frühsten in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts datieren.

Die Befundlage ergibt aus den noch in situ befindlichen Merkmalen eine Datierung um 1030. Aller Wahrscheinlichkeit nach war damit der Salier
Konrad II (1024-1039) Bauherr dieser anspruchsvollen Kapelle in der Nimwegener Pfalzanlage. Auch der Bezug auf die karolingische Pfalzkapelle in Aachen und damit auf Karl den Großen selbst ist für Konrad nicht unwahrscheinlich, der sich selbst als Karls Nachfolger empfand: „An Konrads Sattel hängen Karls Steigbügel“ . Ein möglicher Anlass für den Bau der Kapelle könnte spätestens die Trauung Konrads Sohns Heinrich mit seiner ersten Frau Gunhild im Jahr 1036 in Nimwegen gewesen sein.

Zerstörung der ersten Pfalzkapelle
Bei einem Aufstand gegen den Kaiser Heinrich III. brannte der Valkhofkomplex im Jahr 1047 völlig aus. Die Verwüstung scheint sehr heftig gewesen zu sein; davon war offensichtlich auch die Pfalzkapelle betroffen. Der obere Teil des achteckigen Kerns wurde beschädigt, ebenso das Obergeschoss des Umgangs (Abb. 5).
Nach der Zerstörung lag die Kapelle offenbar für über einhundert Jahre wüst. Es war Konrads Nachfolger Friedrich Barbarossa, der den Valkhof wiederaufbauen ließ. Eine Inschrift aus dem Jahre 1155, die ursprünglich in der Valkhofkapelle eingemauert war, rühmt diesen Wiederaufbau.

Der Wiederaufbau des 12. Jahrhunderts
Nachdem die Kapelle für ein Jahrhundert ruinös war, wurde sie in einer zweiten Bauphase wiederaufgebaut: Der Kernbau wurde neu aufgemauert, die Mauerkronen des Umgangs gesichert und ein Pultdach aufgesetzt. Das wesentliche Charakteristikum der zweiten Bauphase der Valkhofkapelle ist das Bemühen, sich so weit wie möglich der ersten Phase anzugleichen. Wie auch schon beim Mauerwerk der ersten Phase sind die Wände der zweiten Phase mit einem Netz aus rotgefassten Bandfugen überzogen (siehe Abb. 6). Hier sind die Bandfugen der zweiten Phase jedoch nicht aus hervorquellendem Setzmörtel gebildet worden. Stattdessen wurden die Tuffsteine in der zweiten Bauphase mit einem weiß-bläulichen Mörtel versetzt, das Mauerwerk später mit einem dunklen rosafarbenen Fugenmörtel mit reichlich Ziegelzuschlägen verfugt und dieser zu breiten Bandfugen gezogen. Die unterschiedliche Mörtelverwendung der ersten und der zweiten Phase lässt sich optisch klar nachvollziehen. Die Kartierung der beiden Fugenarten zeigt, bis in welche Höhe der Bau des 11. Jahrhunderts bei der Zerstörung 1047 und im Wiederaufbau im 12. Jahrhundert erhalten geblieben ist.

Die Datierung der zweiten Bauphase allein aus dem Baubestand heraus gestaltet sich schwierig. Aus dem Baubefund heraus ist keine klare zeitliche Einordnung der zweiten Bauphase möglich. Aus der Tatsache jedoch, dass die Kapelle ebenso wie die gesamte Nimwegener Pfalz nach 1047 bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts nicht genutzt wurde und wir außerdem aus einer in der Kapelle vermauerten Inschrift erfahren, dass Friedrich Barbarossa 1155 die Pfalz wiederaufbauen ließ, lässt sich sicherlich auf eine Wiederaufbauphase um 1155 schließen.

Der zweite Wiederaufbau
Wenngleich die Gesamtgestalt der Valkhofkapelle auf das 11. Jahrhundert zurückgeht, stammt fast ein Drittel der Bausubstanz erst aus späterer Zeit. Nach einer zweiten großen Zerstörung, über deren Datierung und Gründe keinerlei schriftliche Quellen berichten, wurde die Kapelle ein weiteres Mal wieder aufgebaut. (Abb. 7) Im Gegensatz zum ersten Wiederaufbau wählte man nun andere Baumaterialien und moderne Formen. Der größte Bereich dieses Wiederaufbaus betrifft die Außenmauer des Umgangs, die zu zwei Dritteln in Backstein neu aufgeführt wurden.
Mit dem gleichen Material und im gleichen Verband wurde der Kernbau erhöht. Er erhielt ein neues, steileres Zeltdach. Dieses Dach befindet sich noch in situ und konnte dendrochronologisch auf die Jahre 1393/94 datiert werden.
Im Zuge dieses Wiederaufbaus des späten 14. Jahrhunderts wurde der Bau modernisiert, so dass wir ein Nebeneinander von alten und neuen Formen vor uns haben. In den zehn neuen Jochen des Umgangs wurden so nicht die in Blendfelder eingebetteten Rundbogenfenster der erhalten sechs Joche kopiert, sondern man wählte spitzbogige Fensteröffnungen mit Maßwerkverschluss. Profilierte Backsteine wurden für die neuen Kreuzrippengewölbe verwendet, die in den zerstörten und wiedererrichteten Jochen des unteren Umgangs eingezogen wurden (Abb. 8). Die älteren Kreuzgratgewölbe des Erdgeschosses blieben erhalten. Die neuen Kreuzrippengewölbe ruhen mit ihren Anfängern auf profilierten Konsolen, von denen einige rein geometrische Formen aufweisen, drei Konsolen jedoch als Maskenkonsolen ausgebildet sind. Auch wenn diese Konsolen stark abgenutzt sind, lassen sich doch noch Haartracht und Darstellungstypus des späten 14. Jahrhunderts erkennen.


           

Abb. 5: Zerstörung der ersten Pfalzkapelle
Abb. 6: Rotgefasste Bandfugen der ersten (um 1030) und der zweiten (um 1155) Bauphase.                       
Abb. 7: Kapelle nach der zweiten Zerstörung
Abb. 8 Kreuzrippengewölbe der dritten Bauphase (um 1400).             
Abb. 9: Dachkonstruktion der zweiten (um 1155) und der dritten Bauphase (um 1400).

Schluss
Mit der Valkhofkapelle haben wir den ältesten erhaltenen Teil der Pfalzanlage in Nimwegen vor uns. Die Untersuchung des Gebäudes als eigenständige Quelle konnte die bislang offenen Fragen zur Bauabfolge und -gestalt klären und alte Zweifel ausräumen. Im Ergebnis zeigt sich ein um 1030 in der Nachfolge der Aachener Pfalzkapelle mit hohem Anspruch und von prominentem Bauherrn errichteter Bau, der leider bald nach seiner Fertigstellung stark beschädigt wurde. Das karolingische Erbe, das schon beim ersten Entwurf maßgebend für die Form der Kapelle war, bewegte auch Kaiser Friedrich Barbarossa dazu, die zerstörte Kapelle im 12. Jahrhundert in den alten Formen wieder aufzurichten. Erst das späte Mittelalter fügte dem Bau neue Materialien und Formen hinzu. Obwohl dieser letzte Wiederaufbau den größten Anteil der erhaltenen Bausubstanz betraf, blieb die Gestalt des salischen Ursprungsbaus prägend.