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Berlin, Turm der Sophienkirche - Bauaufnahme-Übung WS 2001/2002

Leitung: Dipl.-Ing. Stefan Breitling

Betreuung: Anke Blümel, Tobias Rütenik, Bianka Tschech


Abb. 1 Stadtplan von Berlin mit 18 Gebäudeansichten (PV 56), Ausschnitt. Johann Friderich Walther 1738. Aus: SCHULZ, Günther: Die ältesten Stadtpläne Berlins 1652-1757. Weinheim 1986, S. 114
Abb. 2 Berlin, Sophienkirche, Ansicht von Westen. Photo Breitling 2000


Im Rahmen mehrerer ambitionierter Turmbauprojekte in Berlin und Potsdam unter König Friedrich Wilhelm I. erhielt 1729 bis 1735 auch die von Königin Sophie Luise 1712 für die Spandauer Vorstadt gestiftete Sophienkirche, ursprünglich ein Quersaal mit dem Eingang auf der südlichen Langseite, einen prächtigen Westturm (Abb. 1). Er ist als einziger der barocken Türme Berlins bis heute erhalten geblieben (Abb. 2). Die Pläne von Johann Friedrich Grael zeigen große Ähnlichkeit mit den gleichzeitigen Entwürfen Graels und Matthäus Daniel Pöppelmanns zur Petrikirche. Als direktes Vorbild für den sehr hohen und plastisch reich gegliederten Bau diente vor allem der nicht ausgeführte Münzturm von Andreas Schlüter für das Berliner Stadtschloß, aber auch der Einfluß des sächsischen und italienischen Barocks ist spürbar.

Das Eingangsportal wird von Doppelpilastern und einem Dreiecksgiebel eingefaßt. Die Wandflächen des Erdgeschosses sind genutet, die Sockel stark geböscht. Darüber erheben sich zwei durch Lisenen zusammengefaßte Geschosse mit großen Rechteckfenstern. Über einem breiten Gesims und einer Balustrade folgen zwei weitere sich verjüngende, von ionischen Freisäulen umgebene offene Etagen mit weit auskragenden Gesimsen. Den Abschluß bildet eine mehrfach geschweifte, mit Kupfer gedeckte Haube, die von einem hohen vasenförmigen Obelisken bekrönt wird.

Größere Veränderungen fanden 1892 statt, als die Kirche während der Bauzeit des Domes am Lustgarten als Hofkirche genutzt und dafür von Adolf Heyden und Kurt Berndt neubarock umgestaltet und nach Osten ausgerichtet wurde. Im Erdgeschoß des Turmes wurde ein repräsentativer Eingangsbereich geschaffen. 1903 wurde im vierten Geschoß ein neuer eiserner Glockenstuhl eingebaut. 1976-1977 fand eine umfangreiche Restaurierung statt. Der Außenputz wurde weitgehend erneuert.

Abb. 3 Berlin, Sophienkirche. Innenansicht 3. OG mit Backsteinbögen und dem beim Turmbau zugesetzten ehemaligen Fenster der Westfassade der Kirche. Photo TU Berlin Johan Kohls, Wolfgang Schweiker, Stephan Wiemer 2001
Abb. 4 Berlin, Sophienkirche. Ansicht des eisernen Glockenstuhls von 1903. Photo TU Berlin Fabian Greiff, Helga Kühnhenrich, Andreas Pohl 2001
Abb. 5 Berlin, Sophienkirche. Isometrie des Dachwerkes der Turmhaube mit Unterscheidung der Konstruktionselemente. TU Berlin Kornelia Bock, Lars Schomburg, Arne Tönißen, Sarah Voth 2001


Die Bauaufnahme durch Architekturstudenten im 3. Semester sollte das Innere des Turmes dokumentieren, den Bauablauf sowie die Konstruktionsdetails des Ursprungsbaus klären und den Umfang der Restaurierungsmaßnahmen aufzeigen. Es wurde ein Querschnitt durch den Turm nach Osten im Maßstab 1:20 sowie eine Ansicht der an den Turm anschließenden Giebelwand des Kirchengebäudes angefertigt. Dabei wurden Reste der Fassadengliederung der Kirche aus der Zeit vor der Errichtung des Turmes (Abb. 3) und Hinweise auf die alte Lage ihrer Traufe entdeckt. Über den ersten Geschossen des Turmes zeigte sich eine Baunaht, die für eine kurze Bauunterbrechung und eine geringfügige Planänderung nach der Errichtung des Erdgeschosses spricht. Die Konstruktion des Turmes besteht aus mehreren sich verjüngenden Backsteinkuben, die nach allen vier Seiten durch große Rundbögen geöffnet sind. Die Sandsteinwerkstücke der Gesimse sind im Ziegelmauerwerk verankert. Aus dem konstruktiven Zusammenhang mit datierten Bauteilen wie Glocken, gezeichneten Balken und Stahlträgern sowie aus der relativen Stellung zu den Backsteinwänden des barocken Baus konnten viele Bauteile einer bestimmten Bauphase zugewiesen werden. So bedingte der Einbau des neuen Glockenstuhls die Erneuerung sämtlicher darunterliegender Geschoßdecken (Abb. 4). Die äußere Spantenkonstruktion der Haube und damit ihre heutige Profillinie erwiesen sich als Rekonstruktion der 1970er Jahre (Abb. 5).

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden in Form von Gutachten zu den einzelnen Raumabschnitten zusammengefaßt und durch eine Photodokumentation ergänzt. Sie bilden eine gute Grundlage für alle folgenden Sanierungsmaßnahmen.

Literatur:

Berlin und seine Bauten, Teil I. Berlin 1877, S. 123
Berlin und seine Bauten, Teil II. Berlin 1896, S. 153
DEHIO-Vereinigung (Hg.); BADSTÜBNER-GRÖGER, Sibylle u.a. (Bearb.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Berlin. 2. Aufl. Berlin 2000
INSTITUT FÜR DENKMALPFLEGE (Hg.): Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR – Hauptstadt Berlin I. Berlin 1983, S. 293-295
MERTENS, Melanie; LORENZ, Hellmut: Kirchen zwischen 1648 und 1780, in: Berlin und seine Bauten, Teil VI. Sakralbauten. Berlin 1997, S. 16-38
WITTE, Paul Wilhelm Heinrich: Die Geschichte der Sophienkirche zu Berlin von 1712 bis 1912. Berlin 1912