startseite

Die Antike – Unsere Wurzeln

Prof. Dr.- Ing. Stefan Breitling Beginn: 23.10.2007, WS07/08
Vorlesung Dienstag 18:15-19:45 Uhr, A 151

  30.10.2007  Mesopotamien und andere Frühe Kulturen – Von den Anfängen der Architektur
  Die Antike hat uns neben den materiellen Zeugnissen ihres architektonischen Schaffens auch die wesentlichen Ansätze für die gedankliche Auseinandersetzung mit der Baukunst vererbt. Die Frage, wie die erste Behausung, die Urhütte des Menschen ausgesehen haben mag, deren Prinzipien und Konstruktionsweise aller Architektur zugrunde läge, wie sie der römische Architekturtheoretiker Vitruv formuliert hat, ist zugleich die immer wieder neu aufgeworfene Frage nach unserem Verständnis, was Architektur sei. Viele Bauwerke, wie beispielsweise Stonehenge oder auch der Turm zu Babel, lassen sich gar nicht ohne eine Berücksichtigung der Rezeptionsgeschichte beschreiben. Ihre Bedeutung für uns ergibt sich zum größten Teil aus den Geschichten, die über sie erzählt worden sind. Wer sich heute im Zeitalter der Wissenschaft um Objektivität bemüht, dem stehen die vielen unterschiedlichen Interpretationen einerseits im Wege, andererseits bieten sie Anregungen und Ansatzpunkte zur eigenen Auseinandersetzung. Ob man den Schwerpunkt der Betrachtung auf ästhetische und formale, auf typologische, ikonographische oder kulturhistorische, konstruktive, herstellungs- und materialtechnische, sozialgeschichtliche oder politische Aspekte legt, ob man zur Grundlage der Betrachtung zeitgenössische schriftliche Quellen, Sekundärliteratur, oder die eigene Anschauung, ob man eher Ansichten, Schnitte oder Grundrisse, Fotos oder dreidimensionale Modelle heranzieht, hängt von dem eigenen Interesse ebenso wie von zeittypischen Moden im Diskurs ab. Über Bauten der Vergangenheit zu reden ist selbst eine Kulturleistung. Für den Architekten wird dabei immer deutlich, wie vielschichtig sein Gegenstand und seine und seiner Kollegen Schöpfungen sind, wie sehr alle einzelnen Aspekte eines Bauwerkes sich gegenseitig bedingen und gemeinsam das Bauwerk ausmachen. Einen direkten, immer neuen Zugang bieten die Bauten selbst, die Bausubstanz. Bauforschung und Archäologie liefern neue Erkenntnisse und bildlichen Rekonstruktionen des ursprünglichen Entwurfs und des tatsächlich einmal errichteten Ursprungsbaus wie auch der Kette der späteren Veränderungen und weiteren Bauphasen, die die Grundlage für die Interpretation der baulichen Reste, ihre historische Bedeutung und die Diskussion um ihre Bedeutung für die allgemeine Baugeschichte und damit für uns selbst bilden. Keiner der Bauten der Antike hat die Jahrhunderte unverändert überstanden. Nutzungswechsel und veränderte architektonische Vorstellungen und Bautechniken haben die europäische Baugeschichte immer weiter vorangetrieben. Gerade deshalb aber ist nicht nur der einmalige Schöpfungsakt, sondern gerade auch die Veränderungsgeschichte eines Bauwerkes Teil der Erinnerungskultur.
Jede Generation muss sich immer wieder neu mit dem architektonischen Erbe auseinandersetzen, sammeln, was darüber bekannt ist, erforschen und pflegen, was überdauert hat und ein eigenes Bild der Vergangenheit, der Wurzeln unserer Kultur entwerfen.

CHIPPINDALE, Christopher: Stonehenge complete. Erweiterte Neuausgabe, London 2004.
GANZERT, Joachim: Der Turmbau zu Babel. Maßstab oder Anmaßung? Biberach 1997.
  Urhütte nach Vitruv. Stich: Ch. Eisen. Aus: LAUGIER 1755, Frontispiz.Antike_01_02 Luxor, Hütte aus Schilfrohr. Wie sah die Urhütte aus? War sie tektonisch oder amorph? Macht die Umzäunung die Architektur, der Raum, die bildende Konstruktion oder die Form? Foto: Breitling 2003.
  Stonehenge bei Salisbury, Ansicht von Südwesten. Foto: Breitling 2007.Der Zauberer Merlin setzt einen der Decksteine des Steinkreises von Stonehenge auf. Manuskript nach Geoffrey von Monmouth, Mitte 14. Jh. British Library, Egerton MS 3028, fol. 30, 140v.
  The Bard, Thomas Jones (1742-1803. National Museums and Galleries of Wales. Aus: Richards 2005, S. 43.Stonehenge bei Salisbury, Grundriss Bestand und Grundriss, Rekonstruktionsvorschlag. Aus: OSBORNE/ENGLISH HERITAGE 2004, S. 13.
  Stonehenge, Archäologische Grabungen durch Richard Atkinson und Stuart Piggott 1958. Foto: English Heritage NMR. Aus: RICHARDS 2005, S. 13.08 Stonehenge bei Salisbury, Äußerer Steinkreis aus Sarsen-Steinen und Kreis aus kleineren Blausteinen, Ansicht von Nordwesten. Foto: Breitling 2007.
  Stonehenge, Verbindung der Decksteine durch Spundung und Zapfen-verbindung mit den Tragsteinen. Zeichnung: English Heritage. Aus: OSBORNE 2004, S. 16.Stonehenge bei Salisbury, Bauphasenabfolge. Erdwall um 3000 v. Chr., Holzpfosten um 2750 v. Chr., Positions-steine aus Sarsen und Blausteinkreise um 2500 v. Chr., Steinkreis und Trilithen aus Sarsen um 2300 v. Chr.. Zeichnungen: Peter Dunn, English H
  Stonehenge bei Salisbury, Aufrichten der Tragsteine, unterschiedliche Rekonstruktionsvorschläge. Oben: English Heritage. Aus: OSBORNE 2004, S. 16. Unten: Peter Dunn/English Heritage. Aus: RICHARDS 2005, S. 12.Pieter Bruegel d. Ä., Der kleine Turmbau, um 1563. Museum Boymans-van-Beuningen, Rotterdam.
  Babylon, Tempelturm Etemenanki, Rekonstruktionen von Robert Koldewey. Modell im Vorderasiatischen Museum Berlin. Foto: Eva Maria Borgwaldt und Rekonstruktion von Hansjörg Schmid 1995. Modellbau: Hans Hallmann. Foto: Hans-Dietrich Beyer.