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Die Antike – Unsere Wurzeln

Prof. Dr.- Ing. Stefan Breitling Beginn: 23.10.2007, WS07/08
Vorlesung Dienstag 18:15-19:45 Uhr, A 151

  05.02.2008  Byzanz und Frühes Christentum – Basiliken und Kuppelkirchen in Ost und West
  Mit Kaiser Konstantin änderten sich die Bedingungen im Römischen Reich grundlegend. Das Christentum wurde zur Staatsreligion. Damit ergab sich die Notwendigkeit zur Entwicklung neuer Gebäudetypen für den christlichen Kultus, der bis dahin weitgehend ohne eine eigene Architektur ausgekommen war. Konstantin ließ an den Wirkungsstätten Christi große Memorialbauten, Versammlungs- und Pilgerstätten errichten. Für Märtyrergräber und Taufkapellen wurde der Typus des Mausoleums als polygonaler Zentralraum verwendet. Für den Kirchenbau wählte man die aus der römischen Profanarchitektur bekannte Basilika, die neben ihrer Funktion als Markthalle auch als Gerichtsstätte gedient und damit auch auf die Macht der römischen Kaiser verwiesen hatte. An die Stelle des Kaiserbildes in der Apsis am Ende der achsialen Anlage traten nun der Altar unter einem Ziborium und das Presbyterium mit Bema. Der basilikale Querschnitt mit einem erhöhten Mittelschiff mit durchfenstertem Obergaden und niedrigeren Seitenschiffen sollte bestimmend werden für den christlichen Sakralbau des Mittelalters. Die großen Fensteröffnungen wurden verglast oder mit Transennen geschlossen. Konstantin hatte die Hauptstadt des Römischen Reiches nach Byzanz, einer kleinen griechischen Siedlung am Bosporus verlegt und mit neuen Straßen, Mauern und einer Palastanlage ausgestattet. Während das oströmische Reich nach der Reichsteilung und mit ihm das neue Konstantinopel erblühte, wurde Westrom zunehmend durch Einfälle fremder Völkerschaften geschwächt. Kaiser Justinian versuchte Anfang des 6. Jhs. n. Chr., die Reichseinheit wieder herzustellen. Seine Palastkirche, die Hagia Sophia stellt die Macht und den Reichtum des oströmischen Kaisertums dar, das die Die Hagia Sophia ist eine Verschmelzung von Zentral- und Longitudinalbau. Die große zentrale Kuppel von 36 Metern Spannweite mit dem Fensterkranz am Kuppelfuß ruht auf Pendentifs, die zum quadratischen Baukörper überleiten. Auf der Ost-West-Achse werden die Bögen und Pfeiler des inneren Quadrates von Halbkuppeln gestützt. In der Querachse dagegen weist die Hagia Sophia einen basilikalen Querschnitt auf. Die Nebenkuppeln der Seitenschiffe stehen auf gekurvten und reich mit Goldmosaik und Marmorintarsien geschmückten Bogenreihen, die von monolithischen Säulen mit durchbrochenen Korbkapitellen getragen werden. Diese Kombination zweier römischer Gebäudetypen, wenn man so will, des Pantheons mit der Maxentius-Basilika, und unterschiedlicher Tragsysteme war konstruktiv nicht ohne Schwierigkeiten. Viele der Nachfolgebauten wurden mit einfacheren Klostergewölben über Tropen errichtet. In Ravenna, der neuen Hauptstadt des weströmischen Reiches, zeigte die 546-548 entstandene Kirche San Vitale eine reduzierte und geklärte Form dieser byzantinischen Zentralbautradition.
Die Bauwerke der Antike, deren Reste bis heute erhaltenen geblieben sind, sind die sichtbaren Zeugnisse längst fremd gewordener Kulturleistungen. Als solche fordern sie immer wieder zur Auseinandersetzung auf. Als die Türken 1453 Konstantinopel eroberten, stellten sie Mimbar und Mithrab unter die christlichen Darstellungen der Muttergottes über dem Presbyterium der Hagia Sophia und nutzten den großartigen Kirchenraum der byzantinischen Kaiser als Moschee. Erst mit dem Nationalbewusstsein des 19. Jhs. wurde es 1847-49 offenbar plötzlich notwendig, die überall sichtbaren, in Goldmosaik ausgeführten christlichen Kreuze zu übermalen, an denen sich die osmanischen Herrscher vierhundert Jahre lang nicht gestört hatten. Die Geschichte dieses Bauwerkes mahnt wie diejenige anderer Monumente solcherart zum sorgsamen Umgang mit dem kulturellen Erbe und zu einer selbstbewussten Toleranz im Umgang mit fremden Traditionen, Religionen und Ideologien.

KRAUTHEIMER, Richard: Early Christian and Byzantine Architecture. Harmondsworth/Baltimore 1965.
BARRAL I ALTET, Xavier: Frühes Mittelalter. Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, i. e. Taschens Weltarchitektur. Köln 1997.

  Bethlehem, Geburtskirche. Rekonstruktion des Zustandes um 333. Zeichnung: Lampl 1938 nach Harvey. Aus: KRAUTHEIMER 1965, Fig. 15.Ravenna, S. Apollinare in Classe, Wandaufriss und Querschnitt. Aus: DEHIO/BEZOLD.
  Grundrisse von frühchristlichen Basiliken. Aus: DEHIO/BEZOLD, Taf. 17.Rom, San Clemente, um 380. Chor mit Bema, Schranken bzw. Ikonostasis, Ambonen, Ciborium, Altar und Apsis mit Bank.
  Rom, Santa Sabina, 422-432. Innenraum nach Osten. Foto: Breitling 1998.Rom, Santa Sabina. Anschluss der Apsiden an das Langhaus mit Obergadenfenstern und Transennen. Foto: Breitling 1998.
  Istanbul, Hagia Sophia, 532-537 u. a. Ansicht von Westen. Foto: Breitling 2006.Istanbul, Hagia Sophia, 532-537 unter Kaiser Justinian von Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet errichtet. Einsturz der Kuppel und veränderter Wiederaufbau 558-563, weitere Einstürze 989 und 1348. Restaurierung durch Fossati 1847-49. Grundriss
  Istanbul, Hagia Sophia. Querschnitt und Längsschnitt. Vereinigung von Zentral- und Longitudinalbau. Aus: STIERLIN 1977, S. 111.Kuppelformen. Aus: MÜLLER/VOGEL 1974, S. 48.
  Istanbul, Hagia Sophia. Innenraum mit Hauptkuppel und östlicher Nebenkuppel. Foto: Breitling 1998.Istanbul, Hagia Sophia. Nordöstliche Konche mit ajouriertem Korbkapitell, Inkrustation und Goldmosaik, 532-537. Foto: Breitling 2006.
  Ravenna, S. Vitale, 546-548, Aussenansicht.Ravenna, S. Vitale, 546-548, Grundriss. Aus: BARRAL I ALTET 1997, S. 135.
  Istanbul, Hagia Sophia, Südöstliche Empore, Goldmosaik, 532-537 mit Übermalung von Fossati, 1847-49. Foto: Breitling 2006.