Lernhilfe Bau- und Stadtbaugeschichte

Das Haus am Michaelerplatz in Wien

Baudaten, Architekt, Bauherr, Personen
Ort, städtebauliches Umfeld, Vorgänger, Entstehung, Nutzung
Das Haus am Michaelerplatz in Wien wurde 1910-1911 errichtet. Bauherr dieses Hauptwerkes von Adolf Loos war die Schneiderfirma Goldmann & Salatsch, weshalb das Gebäude auch unter "Goldmann & Salatsch - Haus" oder "Looshaus" bekannt ist. Das Haus steht in exponierter Lage und vermittelt zwischen der kaiserlichen Hofburg und einer exquisiten, aber bürgerlichen Einkaufsstraße. Nachdem das Obergeschoss, anders als in der eingereichten Planung (und anders als in dieser Zeit üblich), einfach glatt verputzt wurde, läßt das Stadtbauamt den Bau einstellen. Es kommt zu einem öffentlichen Skandal, indem das Gebäude als "Scheusal" und "Getreidespeicher" bezeichnet wird. Es gelingt Loos aber Anhänger für seinen Entwurf zu finden und so öffentlichen Druck aufzubauen. Er setzt sich mit einem Kompromiss durch, Blumenkörbe unter den Fenstern aufzuhängen.Die unteren beiden Geschosse wurden vom Herrenausstatter Goldmann & Salatsch genutzt, die vier Obergeschossen enthalten Wohnungen.Heute nutzt eine Bank die unteren Geschosse.
Beschreibung, Bautyp, Bauformen, Besonderheiten, Bedeutung Das Gebäude liegt auf einem unregelmäßigen Eckgrundstück und hat einen kleinen Innenhof sowie drei Fassaden. Es ist ein Wohn- und Geschäftshaus mit zweigeschossigem Sockel, der mit grünem Cipollino-Marmor verkleidet ist, und vier Obergeschossen, die glatt verputzt sind. Das Haus öffnet sich zum Michaelerplatz mit einem repräsentativen Portal. Das Dach ist mit Kupferplatten verkleidet. Die Anordnung der Geschäftsräume in unterschiedlichen Ebenen (Mezzanin, Galerie, Hauptgeschoss...) folgt dem Raumplan-Konzept von Loos.Das besondere an diesem Haus ist seine schmucklose Schlichtheit, ganz im Sinne von Loos' Artikel "Ornament und Verbrechen".
Bautechnik Das Haus besteht aus einer Skelettkonstruktion aus Eisenbeton, die mit großformatigen Ziegeln ausgefacht ist. Der Innenraum ist frei unterteilbar. An der Michaelerplatzfront (14,13m) spannt sich ein fünfstöckiger Rahmen, die Marmorsäulen sind statisch unwirksam. Die Decken der unteren Geschosse sind Kassettendecken zwischen längs und quer laufenden Unterzügen. Die Decken in den Obergeschossen sind Plattenbalken auf längs laufenden Unterzügen. Auch die Dachkonstruktion besteht aus Eisenbeton.
Veränderungen, Erforschung, Erhaltung 1938 wurde das Portal und die Einrichtung im Erdgeschoss für einen neuen Mieter verändert.
1944 Kriegs-Beschädigung
1947 Denkmalschutz; neues Portal, dass dem ursprünglichen ähnelt; Fensterteilung der bay-windows in Holz (statt Messing) wiederhergestellt
1948 Deckenöffnung zw. EG und Mezzanin wird geschlossen
1959 Teilerneuerung der Marmorverkleidung
1960 Entfernung der Kandelaber am Michaelplatz
1966 Neues Geschäftsportal, ähnlich Version von 1947
1987 Kauf durch die Raiffeisenbank Wien und anschließende Restaurierung
Einordnung in die Kultur- und Baugeschichte, Vorläufer, Vergleichsbauten, Wirkung, Verweise Mit dieser Schmucklosigkeit bricht Loos mit der historisierenden Wiener Baupraxis der Zeit und wendet sich gleichzeitig auch gegen den dekorativen und künstlerischen Ansatz des Jugendstils bzw. der Wiener Secession (Olbrich, Hoffmann).Er hat eine pragmatisch geprägte Architekturauffassung, nach der das Haus im Gegensatz zur Kunst "...der Bequemlichkeit zu dienen" hat.Loos' Bauwerke wirken trotz des Verzichts auf das Ornament sehr repräsentativ, da er äußerst hochwertige Materialien, wie grünen Cipollino-Marmor, weißen Carrara-Marmor, Eichenholz und Messing verwendet. Solche edlen Materialien finden bis zum Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe keine Verwendung mehr in Bauten der Moderne.Loos gilt neben Perret, Peter Behrens und Frank Lloyd Wright als wichtigster Vertreter der ersten Generation der Moderne.
Literatur BENEVOLO, Leonardo. Geschichte der Architektur im 19. und 20. Jahrhundert. München 1964. (Orig. Storia dell´architettura moderna. Bari 1960.)
Links Weiterführende Literatur.
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Weitere Stichworte: Wohngebäude, Skelettbau, Oestereich

Wien, Haus am Michaelerplatz: Gesamtansicht
Foto: Frederiksen


Wien, Haus am Michaelerplatz: Grundriss
Aus: Loos-Archiv der Albertina


Wien, Haus am Michaelerplatz: Innenansicht
Aus: FWG - Riha - Brains & Pictures, Wien


Wien, Haus am Michaelerplatz: Isometrie der Geschäftsetage
Aus: CZECH / MISTELBAUER


Wien, Haus am Michaelerplatz: Schnitt
Foto: Frederiksen

TU Berlin, Institut für Architektur, FG Bau- und Stadtbaugeschichte, Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Prof. Dr.-Ing. Stefan Breitling, Bearb. Jan Kertscher 2007